GRENKE Chess Classic Baden-Baden
2. - 9. Februar 2015

Naiditsch schlägt den Weltmeister

Am dritten Tag der GRENKE Chess Classic kamen die Schachfans voll auf ihre Kosten. Arkadij Naiditsch und Magnus Carlsen bekämpften sich über sechs Stunden mit dem besseren Ende für die deutsche Nr. 1. Damit übernahm Naiditsch die Führung im Turnier zusammen mit Fabiano Caruana, der Levon Aronian besiegte. Zu einem Sieg kam auch Michael Adams gegen David Baramidze, während sich Etienne Bacrot und Viswanathan Anand remis trennten.

Etienne Bacrot und Viswanathan Anand beendeten ihre Partie nach gut drei Stunden.

Die Spieler folgten einer bekannten Variante der Berliner Verteidigung der Spanischen Partie, mit der sie sehr viel Erfahrung gesammelt haben in der Vergangenheit. Während sich der 45-jährige Inder mit der gleichen Variante gegen Magnus Carlsen bei der WM in Sotschi verteidigte, saß Bacrot vor gar nicht allzu langer Zeit gegen den russischen Großmeister Alexander Motylev auf der anderen Seite des Brettes. Beruhend auf dieser Erfahrung testete der 32-jährige Franzose gegen Anand eine neue Idee, doch schon kurz nach dem ersten neuen Zug gefiel Bacrot seine Stellung nicht mehr und er forcierte mit Weiß ganz schnell das Remis. Die Spieler tauschten sehr viele Figuren und die Zugwiederholung in einem Endspiel mit Turm und Läufer gegen Turm und Springer mit jeweils drei Bauern war folgerichtig.

Michael Adams kam zu seinem ersten Sieg bei der GRENKE Chess Classic 2015. Gegen David Baramidze nutzte er einen Fehler seines Gegners und eroberte früh entscheidend Material.

In der Eröffnung tricksten sich beide Spieler ein wenig aus. In einer Spanischen Partie war der Eine, Baramidze, mit der Variante nicht vertraut, und der Andere, Adams, überrascht über die Wahl seines Gegners. "Eigentlich war nichts los nach der Eröffnung, doch dann hatte ich Glück, dass mein Gegner eine taktische Abwicklung übersah", spielte Adams seine Leistung auf typisch britische Weise etwas runter. Anstatt positionell am Damenflügel weiterzuspielen, warf Baramidze alle Figuren auf den Königsflügel, wo die Verteidigung des Gegners aber nicht zu durchbrechen war. "Ich wollte meinen Gegner einfach Matt setzen, doch ich habe zu viel übersehen", fasst Baramidze das Geschehen zusammen.

Adams,Michael (2738) - Baramidze,David (2594)
GRENKE Chess Classic 2015 (3), 04.02.2015

Stellung nach 16.Ld3:

16...Se7? Das stellt die Partie ein. Adams wies im Anschluss auf 16...b4! 17.Lxa6 bxc3 18.bxc3 Sa5 mit unklarer Stellung hin. 17.axb5 axb5 18.Txa7! Baramidze rechnete mit 18.Lxb5 und wollte mit 18...Lxh3? 19.gxh3 Sg6 fortsetzen, was aber auf unterschiedliche Weise widerlegt werden kann, z.B. 20.Se3 Sgf4 21.Df1+- 18...Txa7 19.Lg5 Dg6

20.De3! Ein wichtiger Zwischenzug. Natürlich nicht 20.Lxe7?? wegen 20...Sf4-+ 20...f6 21.Dxa7 fxg5 22.Sxe5 22.Dxc7+- ist noch überzeugender. 22...Df6 23.Sg4 23.Dc5+- 23...Lxg4 24.hxg4 Sf4 Adams wies im Nachhinein darauf hin, dass er 24...Sc6 übersehen hatte. Nach 25.Dc5 Sf4 26.Lxb5 Se5± hätte Schwarz immerhin zwei sehr aktive Springer und Weiß müsste spätestens hier beginnen, sehr präzise zu spielen. 25.Lxb5 Sxg2? Das funktioniert einfach nicht. Weiß sammelt das Material ein und gewinnt. 25...Seg6 musste geschehen, auch wenn Weiß nach 26.Sg3 auf Gewinn steht. 26...Sxg2 funktioniert dann nicht wegen 27.Kxg2 Df3+ 28.Kg1 Sh4 29.Lc4+ Kh8 30.Lf1+- 26.Kxg2 Sg6 27.Sh2 Sf4+ 28.Kh1 Sh3 29.De3 Sxf2+ 30.Kg2 De5 31.Lc4+ 1-0

Fabiano Caruana kam mit Schwarz zu einem Big Point gegen Levon Aronian.

Der Armenier verlor in Zeitnot komplett die Kontrolle und stellte Material und eine eigentlich gut angelegte Partie ein. Die Spieler wählten eine seltene Variante der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung und es ergab sich ein interessantes Mittelspiel mit beiderseitigen Chancen. Aronian opferte einen Bauern, um sich die bessere Leichtfigur und Kompensation zu sichern. Es folgte ein Lapsus des Italieners, der die Partie zugunsten Aronians hätte drehen können. "Ich bekam eine Herzattacke, als mir mein Fehler bewusst wurde", wies Caruana im Anschluss auf seinen Fehler hin. Doch Aronian wollte heute nichts gelingen. Nachdem er einige Züge zuvor schon das Remis durch Zugwiederholung verschmähte, folgten nun reihenweise schlechte Züge. Caruana gewann einen weiteren Bauern und Aronian gab im 40. Zug in hoffnungsloser Stellung auf. "Es ist natürlich lächerlich die Zugwiederholung auszulassen, wenn man nichts hat. Und natürlich sollte man die Stellung nicht sofort einstellen", fand Aronian in der Pressekonferenz deutliche Worte für seine Leistung.

Aronian,Levon (2777) - Caruana,Fabiano (2811)
GRENKE Chess Classic 2015 (3), 04.02.2015

Stellung nach 22...Dc7:

23.Sg2!? Aronian opfert einen Bauern, anstatt mit 23.Ld2 Lf8 (23...Lxc4 24.Lxh6 Lxd3 25.Txd3 Dc2=) 24.Tc1 das materielle Gleichgewicht zu halten. 23...Lxc4 24.Se3 Lxd3 24...Lb3!? 25.Txd3 Sxe4 26.Lxe5! dxe5 27.Sd5 Dd6 27...Sxg3 erschien Caruana zu riskant wegen 28.fxg3 nebst 29.Dxe5. 28.Dxe4 Lf8

29.Tfd1 29.Sf4 forciert die Zugwiederholung nach z.B. 29...Df6 30.Sd5 Dd6 (30...De6? 31.Sc7!±) Aronian hatte das gesehen, zog es aber vor, noch etwas zu versuchen. 29...b5 30.Df3 Kg7?

31.Sc3? Aronian verliert bei knapper Zeit total die Kontrolle. 31.Sc7! Dxc7 32.Td7 Dc4 33.T1d5! und Schwarz muss jetzt Material zurückgeben, um nicht matt gesetzt zu werden: 33...Le7 34.Txe7 Tf8 35.Tdxe5 Weiß hat materiell ausgelichen und die aktiveren Figuren. Objektiv sollte sich Schwarz halten können, doch Weiß kann hier risikolos weiterspielen. 31...De6 32.Td7 Lc5 "Das und den nächsten schwarzen Zug habe ich einfach übersehen", meinte Aronian nach der Partie. 33.De4 Ta7 34.Td8? Das stellt einen weiteren Bauern und die Partie ein. 34.T7d5 Te7 mit klarem schwarzen Vorteil. 34...Txd8 35.Txd8

35...Lxf2+! 36.Kg2 36.Kxf2 Df6+ 37.Kg2 Dxd8-+ 36...Lb6 37.Td2 Tc7 38.Da8 Ld4 39.Se2 Td7 40.b4 h5 0-1

Arkadij Naiditsch und Magnus Carlsen lieferten sich einen Kampf auf Biegen und Brechen.

Der Weltmeister goß im 10. Zug mit einem Figurenopfer für zwei Bauern gehörig Öl ins Feuer. Offensichtlich saß der Stachel von der Niederlage bei der Schacholympiade in Tromsö noch tief und er wollte seinen Gegner aus der Eröffnung heraus aus dem Konzept bringen. Die deutsche Nr. 1 blieb aber cool. Er sammelte das Material ein und sah sich selbstbewusst jederzeit in Vorteil. Allerdings verpassten beide Spieler in einem komplizierten Mittelspiel mehrmals die besten Fortsetzungen, bevor es in ein nicht minder kompliziertes Endspiel ging, in dem Carlsen drei Bauern für die Figur hatte. Hier ging die Achterbahnfahrt weiter, bevor Naiditsch letztendlich den gegnerischen a-Bauern gewann und seinen eigenen Freibauern in Gang setzte, den Carlsen trotz zahlreicher Freibauer auf der anderen Seite nicht kompensieren konnte. Nach über sechs Stunden gab der Weltmeister auf. "Es ist ein gutes Gefühl, den stärksten Spieler der Welt zu schlagen", freute sich Naiditsch direkt nach der Partie, die er mit Nigel Short und Jan Gustafsson im Livestream Revue passieren ließ.

Am Donnerstag folgt ein Ruhetag, bevor es am Freitag den 06. Februar mit der 4. Runde weitergeht. Dabei kommt es zum ersten Kampf zwischen Viswanathan Anand und Magnus Carlsen nach der WM in Sotschi. Die Paarungen lauten:

Viswanathan Anand - Magnus Carlsen
Fabiano Caruana - Michael Adams
David Baramidze - Arkadij Naiditsch
Etienne Bacrot - Levon Aronian

 

Text und Fotos: Georgios Souleidis