GRENKE Chess Classic Baden-Baden
2. - 9. Februar 2015

Dramatischer Schlusstag

Der letzte Tag bei der GRENKE Chess Classic war an Dramatik nicht zu überbieten. Alle Akteure kämpften bis zum Umfallen und es entwickelten sich die nach Zügen sowie Zeit längsten Partien im Turnier. Als ob das nicht genug wäre, gab es im Anschluss noch einen Tiebreak um den Turniersieg. Hier setzte sich Magnus Carlsen gegen Arkadij Naiditsch erst nach jeweils zwei Schnellschach- und Blitzpartien in einer Armageddon-Partie durch. Die Akteure waren zu diesem Zeitpunkt neun Stunden im Einsatz. Dass es überhaupt zum Tiebreak kam, lag an der Tatsache, dass Magnus Carlsen und Arkadij Naiditsch ihre Siegchancen in der 7. Runde liegen ließen.

Magnus Carlsen und Arkadij Naiditsch, die im Laufe des Turniers das Tempo vorgaben, setzten auch zum Abschluss Akzente. Der Weltmeister aus Norwegen erspielte sich eine Gewinnstellung gegen Etienne Bacrot, gab den Vorteil aber wieder aus der Hand und musste sich mit einem Remis begnügen. Mit dem gleichen Ergebnis entließ Arkadij Naiditsch seinen Kontrahenten Levon Aronian, nachdem er die ganze Partie Vorteil besaß. Michael Adams kam nach über sechs Stunden und 89 Zügen zum Sieg gegen Viswanathan Anand. Fast sieben Stunden dauerte der Kampf zwischen David Baramidze und Fabiano Caruana. Am Ende teilten sich die Spieler die Punkte.

Magnus Carlsen eröffnete gegen Etienne Bacrot mit einem Damenbauernspiel.

In der Eröffnung verbrauchte der 32-jährige Franzose viel Zeit, die ihm im Mittelspiel fehlte. Der 24-jährige Weltmeister hatte mit zwei starken Springern und einen weit vorgerückten a-Bauern klaren Vorteil. "Ich war sicher, dass ich auf Gewinn stehe", meinte Carlsen im Anschluss, doch in Zeitnot seines Gegners ließ er einen Konter zu, der plötzlich zu einem Dauerschach führte.

Carlsen,Magnus (2865) - Bacrot,Etienne (2711)
GRENKE Chess Classic 2015 (7), 09.02.2015

Stellung nach 34...b5:

35.Sa5 35.Sxd6 Lf8 36.Tf1! (36.Sxc6 Tf6 37.Sxa7 Txd6 38.Ta1 Txd4 39.Sxb5 ist komplizierter, sollte aber auch gewinnen für Weiß) 36...Txf1+ 37.Kxf1 Lxd6 38.Sxc6 Lxh2 39.Sxa7 Sf6 40.Sxb5 Sd7 41.a7 Sb6 42.c4+- Magnus zeigte in der Pressekonferenz diese Variante und meinte, dass er das alles während der Partie gesehe hätte. Letztendlich verzichtete er aber auf 35.Sxd6, weil er dachte, dass es nicht nötig sei, eine Figur zu opfern. 35...c5 36.Sbc6 Tf7 37.Sb7 37.dxc5 dxc5 38.Td8+ Kh7 (38...Lf8 39.Ta8+-) 39.Tb8 mit der Idee 40.Tb7 gewinnt. 37...Sf4 38.dxc5 dxc5

39.Sxa7?! Das war natürlich verrückt, diesen Bauern zu nehmen. Ich musste 39.c3± spielen (Carlsen). 39...Ld4+ Nach diesem Zug versank Carlsen in längeres Nachdenken. Er sah, dass er seinen Vorteil verspielt hatte und jetzt das Dauerschach nicht vermeiden kann. 40.Kh1 40.Txd4 Se2+ 41.Kg2 Sxd4 42.c3 Tf6 43.cxd4 Txa6 44.Sxb5 cxd4 45.Sxd4 Tb6 46.Sc5 Txb2+= und Weiß hat nicht genug Material, um zu gewinnen. 40...Sh3 41.Kg2 Sf4+ 42.Kg3 Se2+ 43.Kg4 Tf4+ 44.Kh3 Tf3+ 45.Kg4 Tf4+ 46.Kh3 Tf3+ ½-½

Arkadij Naiditsch zeigte sich hervorragend präpariert gegen Levon Aronian.

Im schottischen Vierspringerspiel diskutierten die Kontrahenten eine brandaktuelle Variante. Die deutsche Nr. 1 erspielte sich Vorteil durch die größere Zentrumsbeherrschung. Es entstand ein Turmendspiel, in dem Naiditsch die bessere Bauernstruktur besaß. Aronian verteidigte sich aber sehr zäh und schaffte es haarscharf die Niederlage zu verhindern. "Er hat gut gespielt und ich habe schlecht gespielt", fasst Aronian das Geschehen im Anschluss zusammen.

Naiditsch,Arkadij (2706) - Aronian,Levon (2777)
GRENKE Chess Classic 2015 (7), 09.02.2015

Stellung nach 33...Txa2:

34.Ta4 Aronian wies auf 34.Kd5 Txh2 35.Kc6 hin. Nach 35...Th3 36.Kxc7 Txg3 37.d4 Td3! ist allerdings unklar, wie Weiß gewinnen soll. 34...Txh2 35.Txa3 Ke7 36.Kd5 Kd7 37.g4

37.Ta7 Th5+ 38.Kc4 g5! 39.fxg5 Txg5 40.d4 Tg4!= 37...Th3! "Danach ist es totremis". (Aronian) 38.c6+ Ke7 39.Ta7 39.Kc5 h5 40.Ta7 Txd3 41.Txc7+ Ke6 42.f5+ Kf6= 39...Txd3+ 40.Ke4 Tc3 41.Txc7+ Ke6 42.Tc8 Kd6 43.Td8+ Ke6 44.Te8+ Kd6 45.Td8+ Ke6 46.f5+ gxf5+ 47.gxf5+ Ke7 48.Td7+ Ke8 49.Td6 Ke7 50.Th6 Tc5 51.Kf4 Td5 52.Txh7 Td6 53.Kg5 Txc6 54.Th8 Tc1 55.Ta8 ½-½

Michael Adams besiegte Viswanathan Anand.

In einer Hauptvariante der Katalanischen Eröffnung spulten die Großmeister ihre Züge zu Beginn locker runter. Im Mittelspiel tauschten sie alle Leichtfiguren und die Dame ab, so dass sie ein Doppelturmendspiel erreichten. Hier sah alles nach einem schnellen Remis aus, doch Adams schaffte es in ein Turmendspiel abzuwickeln, das ihm plötzlich Gewinnchancen bot. "Mickey" verbesserte nach und nach seine Stellung, eroberte den gegnerischen h-Bauern und setzte seinen eigenen h-Bauern in Gang. Dieser erwies sich nach einem Blackout von Vishy als entscheidend und der Inder gab nach weit über sechs Stunden Spielzeit auf.

Adams,Michael (2738) - Anand,Viswanathan (2797)
GRENKE Chess Classic 2015 (7), 09.02.2015

Stellung nach 84.Kf2:

84...Ke5? Danach kann Weiß problemlos seinen h-Bauern vorschieben und sich mit dem weißen König annähern. 84...Kg7 85.h6+ Kh7 und Adams schätzte diese Stellung als remis ein, da der schwarze Turm aktiv ist. Er kann durch Absperrung verhindern, dass sich der weiße König annähert. 85.h6 Ta2+ 85...Th7 86.Ke3 Kf6 87.Ke4 Kf7 88.Ke5 Ke7 (88...Th8 89.h7+-) 89.f4+- 86.Kg3 Ta8 87.h7 Th8 88.Th6 Kd6 89.Kf2 1-0

David Baramidze und Fabiano Caruana spielten eine wahre Mammutpartie.

Der 22-jährige Italiener versuchte mit Schwarz fast sieben Stunden zu gewinnen, um mit Carlsen und Naiditsch in der Tabelle gleich zu ziehen und den Tiebreak zu erreichen. Letztendlich konnte Baramidze aber nach einer wahren Achterbahnfahrt das Remis sichern. Am Ende standen nur noch die nackten Könige auf dem Brett.

Nach der regulären 7. Runde musste der Tiebreak über den Turniersieg entscheiden.

Zahlreiche Zuschauer harrten noch im LA8 aus und wurden nicht enttäuscht. Carlsen und Naiditsch boten ein Spektakel vom Feinsten. In der ersten Schnellschachpartie setzte sich der Weltmeister durch und sah in der zweiten Partie schon wie der Sieger aus. Doch Naiditsch verteidigte sich gegen einen Königsflügelangriff stark und schlug in beiderseitiger Zeitnot zurück. In den zwei folgenden Blitzpartien egalisierten sich die Gegner und beide endeten remis. Es ging über die volle Distanz und eine Armageddon-Partie musste über den Sieger entscheiden. Carlsen zog in der Auslosung die weißen Steine und musste dementsprechend gewinnen. In einer Sizilianischen Partie gab er eine Qualität für schönes Figurenspiel und beendete die Partie mit einer Hatz auf den den schwarzen König. Ein fantastisches Finale eines tollen Turniers.

Siegerfoto mit allen Spielern und Wolfgang Grenke (Vorstandsvorsitzender GRENKELEASING AG) links und Christian Bossert (1. Vorsitzender Schachzentrum Baden-Baden) rechts

Wolfgang Grenke, der als Vertreter des Sponsors GRENKELEASING AG, die Siegerehrung durchführte, bedankte sich bei allen Spielern für ihren vorbildlichen Einsatz und insbesondere für die sehr dramatische und an vielen Höhepunkten reiche letzte Runde. "Es war ein Kindheitstraum, dieses Turnier auszurichten", äußerte sich Grenke, der während des Turniers häufig zu Gast war und die Partien interessiert verfolgte.

Die GRENKE Chess Classic 2015 war ein voller Erfolg. Eines der stärksten Turniere, das jemals in Deutschland stattfand, lockte täglich zahlreiche Zuschauer nach Baden-Baden. Insbesondere am Wochenende platzte das LA8 aus allen Nähten. Sportlich erfüllten die Teilnehmer alle Erwartungen. Sie verzichteten auf kurze Remisen und es gab viele hochklassige Partien zu bewundern. Aus deutscher Sicht ist das Abschneiden von Arkadij Naiditsch hervorzuheben, der um den Turniersieg mitspielte und mit seinem Sieg gegen Magnus Carlsen ein Mal mehr zeigte, dass er auch die besten Spieler der Welt schlagen kann. Der Weltmeister zeigte seine außerordentliche Klasse, indem er nach der Niederlage gegen die deutsche Nr. 1 zurückschlug und das Turnier letztendlich gewann.

Der Turnierdirektor, Sven Noppes, zog eine positive Bilanz:"Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz und dem Verlauf der GRENKE Chess Classic. Es war ein sehr spannendes Turnier mit vielen Highlights. Wir werden in aller Ruhe die Veranstaltung bilanzieren und zu gegebener Zeit unsere Pläne für die Zukunft bekanntgeben."