Umkämpfter Sonntag bei der GRENKE Chess Classic

Zur 4. Runde der GRENKE Chess Classic kamen zahlreiche Zuschauer in die Lichtentaler Allee 8. Sie sollten ihr Kommen nicht bereuen, denn die Großmeister lieferten sich auf der Bühne des Spiegelsaals spannende und ausgekämpfte Duelle. Arkadij Naiditsch setzte sich gegen Georg Meier durch, Viswanathan Anand verpasste gegen Daniel Fridman seinen ersten Sieg und Michael Adams trennte sich von Fabiano Caruana unentschieden.

Bislang gab es in jeder Runde einen Sieger bei der GRENKE Chess Classic. Am Sonntag sollte Arkadij Naiditsch der Glückliche sein. Im innerdeutschen Duell setzte er sich gegen Georg Meier durch.


In einer ruhigen Variante der Slawischen Verteidigung erzielte Naiditsch einen leichten Vorteil. Er besaß das Läuferpaar und übte Druck am Damenflügel aus. Meier stand dagegen solide, begang aber im 15. Zug mit einem unbedachten Springerzug einen positionellen Fehler. Danach klebte sein König in der Brettmitte fest. Es folgte eine verzweifelte Attacke am Königsflügel, die beinahe die Rettung brachte, denn Naiditsch - im sicheren Gefühl des Sieges - stellte einen Läufer ein. Er hatte aber Glück im Unglück, denn er erhielt postwendend die Figur zurück und hatte einen gefährlichen Mehr- und Freibauern auf c6. Mit sehr wenig Zeit auf der Uhr fand Meier nicht die beste Verteidigung, wonach der c-Bauer auf dem Weg zur Umwandlung nicht aufzuhalten war.

Naiditsch,Arkadij - Meier,Georg [D12]
GRENKE Chess Classic (4), 10.02.2013

1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.e3 c6 4.c4 Lf5 5.Sc3 e6 6.Le2 Sbd7 7.0-0 Ld6 8.c5 Lc7 9.b4 Se4 10.Sxe4 Lxe4 11.b5 Lxf3 12.Lxf3 cxb5 13.Db3 b6 14.c6


14...Sf6 Das spielte Meier sehr schnell. Naiditsch zeigte sich im Anschluss überrascht, denn er hatte lange über 14...Sb8 nachgedacht, was stärker ist. Naiditsch plante 15.e4 zu spielen, hielt aber auch 15.Ld2!? für interessant. 15...dxe4 16.Lxe4 Dxd4 und hier war seine erste Idee 17.Lf3?! (17.Db1 f5 18.Lf3 0-0 19.Td1 gefiel Naiditsch auf Nachfrage allerdings auch ganz gut. Weiß hat hier gute Kompensation dank des Läuferpaars und des starken c-Bauern.) 17...Dxa1 18.Lb2? (18.Lf4!?) 18...Lxh2+ 19.Kxh2 Dxf1 20.c7 mit vermeintlicher Gewinnstellung. Schwarz hält sich aber mit 20...Sa6! 21.Lxa8 Sxc7 22.Lc6+ Kd8-+ 15.Dxb5 a6 Das sollte laut Naiditsch besser durch 15...0-0 16.g3 Se8 17.La3 Sd6 18.Da6 Te8 19.Le2 mit leichtem Plus für Weiß ersetzt werden. 16.Da4


16...Se4? Das brandmarkten beide Spieler als großen Fehler nach der Partie. 16...g5 war ein alternativer Vorschlag von Meier dem Naiditsch entgegnete: "Ich würde mich freuen, wenn man so etwas gegen mich spielen würde." 17.Lxe4 dxe4 18.La3 h5 19.f3 b5 20.Db4 Dh4


Jeder erwartete hier 21.f4± mit großem Plus für Weiß. 21.h3? Ich dachte, das gewinnt einfacher, doch ich übersah, dass mein Läufer auf a3 hängt. 21...a5 22.Dxb5 Dg3 23.fxe4 Dxe3+ 24.Kh1 24.Tf2!? 24...Dxa3 Das war Naiditschs Verseher, doch er hat Glück im Unglück und das zeigt auch, wie gut seine Stellung vormals eigentlich war. 25.Db7 Er gewinnt die Figur zurück.


25...Dg3?! 25...Dd6!! hält remis, doch die Varianten waren für Schwarz in Zeitnot kaum zu berechnen. 26.Dxa8+ (26.e5?? Dd8-+) 26...Ke7 27.e5 Dxd4 28.Tad1 (28.Dxh8 Dxe5 29.Kg1 Lb6+ 30.Kh1 Lc7=) 28...Dxd1 29.Txd1 Txa8 30.Td7+ Ke8 31.Txc7= 26.e5 0-0 27.Dxc7 Dc3 28.Dd6 Von 28.d5!? war Naiditsch nach der Partie auch sehr überzeugt. 28...Tad8 29.Tfc1?! Weiß leistet sich unnötigerweise noch eine Ungenauigkeit. 29.Tac1! Dxd4 30.Tfd1 Dh4 (30...Txd6 31.exd6 Dh4 32.d7+-) 31.c7!+- 29...Txd6? 29...Dxd4! 30.Dxd4 Txd4 hätte den weißen Gewinnweg in der Partie verhindert und auch wenn er hier noch einiges probieren könnte, so schätzte Naiditsch die Stellung "gefühlsmäßig als remis" ein. 30.Txc3 Txd4 31.c7 Tc8


32.Tb1! Tb4 33.Td1 und Schwarz kann gegen 34.Td8 nichts ausrichten. 1-0

Viswanathan Anand verpasste mit den schwarzen Steinen gegen Daniel Fridman nur knapp seinen ersten Sieg bei der GRENKE Chess Classic.


Er überraschte in einer scharfen Variante der Englischen Eröffnung seinen Gegner mit einem Zentrumsvorstoß im 15. Zug. Fridman wich der kritischen Fortsetzung aus, wonach er aber eine Schwächung seiner Bauernstruktur am Damenflügel akzeptieren musste. "Das hat man davon, wenn man den Weltmeister überraschen möchte. Man wird überrascht", äußerte sich Fridman im Anschluss nicht ohne Humor. "Vishy" agierte fortan nur noch gegen die weiße Strukturschwächen und konnte den Vorteil ausbauen, bis nur noch ein schwacher weißer Springer gegen seinen guten Läufer kämpfte. Im 48. Zug stand er vor der Wahl, wie er mit diesem Läufer in die gegnerische Stellung eindringt und entschied sich für das falsche Feld. Der Deutsche konnte danach mit seinem Springer die gefährlichen schwarzen Bauern schlagen und das Remis sichern. Der Weltmeister war nach der Partie offensichtlich geknickt: "Ich bin enttäuscht, natürlich. Ich sah den Gewinnzug, doch aus irgendeinem Grund wählte ich die andere Fortsetzung."

Fridman,Daniel - Anand,Viswanathan [A33]
GRENKE Chess Classic (4), 10.02.2013

1.Sf3 c5 2.c4 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e6 6.g3 Db6 7.Sb3 Se5 8.e4 Lb4 9.De2 d6 10.Ld2 a5 11.f4 Sc6 12.Le3 Dc7 13.Lg2


13...e5! Das ist eine starke Neuerung laut Fridman. Anand gab an, dass er das angeblich am Brett gefunden hätte - nach fünf Minuten Nachdenken. Schwarz möchte mit ...Sg4 den Läufer abtauschen. 14.0-0 14.f5 dürfte kritisch sein und man sah Fridman an, dass er es ein wenig bereute darauf verzichtet zu haben. Eine logische Variante lautet: 14...a4 15.Sd2 Da5 (15...a3 16.Sb5) 16.0-0 Lxc3 17.bxc3 Dxc3 18.Tfc1 Sd4! (18...Da5?! 19.c5) 19.Df2 Da3 20.Lxd4 exd4 21.Dxd4 und die weiße Stellung macht einen sehr guten Eindruck, da der Anziehende deutlich mehr Figuren im Spiel hat. 14...Lxc3 15.bxc3 a4 16.Sd2 Sg4 17.Tab1 17.c5, um den Doppelbauern aufzulösen ist besser, doch der Deutsche dachte, dass er auch ohne c5 genügend Spiel auf der b-Linie und am Königsflügel besitzen würde. Dem war aber nicht so und er geriet nach und nach in die Defensive. Wir springen direkt zur kritischen Stellung im 48. Zug. 17...Sxe3 18.Dxe3 Sa5 19.f5 f6 20.Tb4 Ld7 21.Lf3 Dc5 22.Kf2 Kd8 23.Ld1 Kc7 24.Lxa4 Sc6 25.Lxc6 Lxc6 26.Dxc5 dxc5 27.Tb2 Ta3 28.Sb1 Ta4 29.Sd2 Td8 30.Te1 Td6 31.g4 Le8 32.Tg1 h6 33.h4 Ta3 34.Sb1 Ta8 35.g5 Tad8 36.gxh6 gxh6 37.Tg7+ T6d7 38.Txd7+ Txd7 39.Te2 Lf7 40.Td2 Lxc4 41.Txd7+ Kxd7 42.a3 Kc6 43.Sd2 Lf7 44.c4 b5 45.Ke3 b4 46.Kd3 Kb6 47.Kc2 Ka5 48.Kb3


48...Lh5 48...Le8! 49.axb4+ (49.Ka2 Ka4 50.Sb3 bxa3 51.Sxc5+ Kb4-+ und der Läufer überdeckt das Feld d7.) 49...cxb4 50.Kc2 Lc6 51.Sb3+ Kb6 52.Kd3 La4 53.Sd2 Kc5-+ 49.Ka2 Ka4 50.Sb3 bxa3 51.Sxc5+ Kb4 52.Sd7 Der weiße Springer schafft es alle Bauern am Königsflügel abzuräumen. 52...Lf7 53.Sxf6 Lxc4+ 54.Ka1 Kc3 55.Sg4 Kd4 56.Sxh6 Kxe4 57.Sg4 Kf4 58.Sxe5 ½-½

Michael Adams und Fabiano Caruana trennten sich leistungsgerecht remis. Die Kontrahenten wählten ein Abspiel der Archangelsker Variante der Spanischen Partie.


Der Italiener zeigte sich bestens vorbereitet. Zwar spielte der Engländer im 17. Zug einen neuen Zug, doch Caruana hatte die Stellung schon zu Hause analysiert und konterte seinerseits mit einem unerwarteten Zentrumsvorstoß. "Mickey", der vorab einen Bauern geopfert hatte, reagierte eiskalt und setzte seinen Gegner am für beide Spieler geschwächten Königsflügel unter Druck. Caruana verteidigte sich aber präzise, so dass ein ausgeglichenes Turmendspiel entstand, das nach 50 Zügen remis gegeben wurde. Adams analysierte das Geschehen äußerst sachlich: "Ich hatte gute Kompensation für den Bauern, doch es reichte einfach nicht für mehr als ein Unentschieden."

Am Montag den 11. Februar geht es um 15 Uhr mit der 5. Runde weiter. Die Paarungen lauten:

Fabiano Caruana - Daniel Fridman
Georg Meier - Michael Adams
Viswanathan Anand - Arkadij Naiditsch

Bericht und Fotos: Georgios Souleidis