Fabiano Caruana übernimmt die Führung

In der 3. Runde der GRENKE Chess Classic hielt das Duell um die Spitze zwischen Fabiano Caruana und Arkadij Naiditsch, was es versprach. In einer spannenden und taktisch geprägten Partie setzte sich der Italiener durch und übernahm die Führung. Die zwei restlichen Partien endeten nach ausgeglichenem Verlauf Remis.

Arkadij Naiditsch wählte gegen den Doppelschritt des e-Bauern die Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung und zeigte damit auch gegen Fabiano Caruana von Beginn an volle Kampfbereitschaft.


Die deutsche Nr. 1 lotste seinen Kontrahenten auf wenig betretenen Pfaden und der Italiener zeigte ungeahnte Schwächen, wie er im Anschluss zugab: "Meinen König im 11. Zug nach b1 zu stellen war schlecht, weil er seinen Bauern bis nach a3 schob und meine Königsstellung schwächte." Der Kampf nahm im Mittelspiel an Brisanz zu. Weiß opferte im 22. Zug die Qualität und übernahm dafür die Konrolle über die weißen Felder im Zentrum. Naiditsch dagegen versuchte sein Läuferpaar zur Geltung zu bringen. Die Stellung befand sich im Gleichgewicht, bis die deutsche Nr. 1 mit seiner Dame am Königsflügel eindrang und die dort postierten gegnerischen Bauern bedrohte.

Beide Spieler befanden sich nun in Zeitnot und das sollte ein mitentscheidender Faktor sein. Naiditsch verpasste im 32. Zug eine starke Fortsetzung. Anstatt einen wichtigen Bauern und Material zu gewinnen, lief er in eine Springergabel. Die Partie war noch nicht entschieden, doch kurz vor der Zeitkontrolle unterlief ihm ein weiterer Fehler, der dieses Mal das sofortige Ende bedeutete. "Heute hatte ich etwas Glück. Die Partie verlief ein wenig wie beim Sparkassen Chess-Meeting in Dortmund. Dort stand ich aber zuerst auf Gewinn, bevor es letztendlich remis endete", meinte Caruana nach dem Kampf. Es folgt die Partie mit einigen Anmerkungen:

Caruana,Fabiano - Naiditsch,Arkadij [B90]
GRENKE Chess Classic (3), 09.02.2013

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le3 e5 7.Sb3 Le7 8.Dd2 Sg4!? Ein seltener Zug. Normal ist 8...Le6 oder die kurze Rochade. 9.g3 Bereitet die lange Rochade vor, die sofort wegen ...Sxe3 nebst ...Lg5 nicht möglich gewesen wäre. 9...0-0 10.0-0-0 a5


11.Kb1
Das betrachte Caruana im Nachhinein als Fehler, da der Bauer jetzt bis nach a3 läuft. 11.Lb5 war besser. 11...a4 12.Sc1 a3 13.b3 Sxe3 14.Dxe3 Lg5 15.f4 Lh6 16.Sd3 Sc6 17.h4 Sd4 18.Sb4 Lg4 19.Td2 Tc8 20.Sbd5 f5 21.Lc4 Kh8


22.Txd4!?
Dieses Qualitätsopfer lag auf der Hand. Weiß nimmt eine starke schwarze Figur aus dem Spiel und vergrößert seine Kontrolle auf den weißen Feldern. Der Läufer auf h6 bleibt auch weiterhin außer Spiel, da ...g6 momentan nicht möglich ist. 22...exd4 23.Dxd4 Lf3 24.Te1 fxe4 25.Sb5 Der Italiener sah Schwarz nach 25.Sxe4 Lxe4 26.Txe4 Te8 im bevorstehenden Endspiel im Vorteil. 25...Tc6 26.c3 Dd7! Die Dame strebt zum Königsflügel. 27.Sxa3 Dh3 28.Tg1?! Das ist vielleicht ungenau, aber Caruana wollte nicht zu 28.Df2 greifen, weil er fürchtete, dass der schwarzfeldrige Läufer mit ...g6 wieder ins Spiel kommt. Die Stellung nach 28...g6 29.Sb5 Lg7 30.Sd4 ist indes total unklar. 28...Dh2 Die schwarze Dame nimmt jetzt eine dominante Position ein. 29.Sb5 Ta8 30.a3 e3! 31.Te1 31.Dxe3 Le4+! 32.Dxe4 (32.Ka1 Tca6! 33.a4 Txa4+ 34.bxa4 Txa4+-+) 32...Dxg1+ mit schwarzem Vorteil. 31...e2 32.De3


In Zeitnot hat sich die Lage zugespitzt. 32...Dg2? 32...Dxg3! 33.Txe2 Dg6+ 34.Ld3 Dh5! 35.Sdc7 Lxe2 36.Lxe2 Dg6+ 37.Ld3 Lxf4! gewinnt für Schwarz. Die Variante war aber alles andere als trivial und in Zeitnot nicht einfach zu berechnen. 33.Sd4 Txc4 33...Lxd5 34.Txe2 Df1+ 35.Te1 Lxc4 36.Txf1 Lxf1 37.Sxc6 bxc6 38.Df3+- 34.bxc4 Lh5 35.Sxe2 Te8 36.Se7


36...g5??
Stellt die Partie ein. 36...g6! 37.Sd4 Lf8 38.De6 sieht auf den ersten Blick ebenfalls verloren aus, doch 38...Txe7! (38...Lxe7 39.Df7+-) 39.Df6+ Kg8 40.Txe7 Lxe7 41.Dxe7 Df1+ führt zum Remis durch Dauerschach, da der weiße König wegen ...Ld1+ nicht über b3 fliehen kann. Aus dem gleichen Grund bringts es nichts, den Springer auf c2 dazwischen zu stellen. 37.fxg5 Lf8 38.Sf4 1-0

Georg Meier und Viswanathan Anand trennten sich Unentschieden. Der Inder überraschte Meier mit der Bogo-Indischen Verteidigung, die er mit Schwarz so gut wie nie in der Vergangenheit angewandt hatte.


Darüber hinaus wählte er eine seltene Variante, von der Meier meinte: "Es ist erstaunlich, dass Schwarz überhaupt so gut ins Spiel kam, da die Eröffnung nicht unbedingt der Knaller ist." Falls es einen kritischen Moment gab, dann war es die Stellung nach dem 20. Zug.

Meier,Georg - Anand,Viswanathan
GRENKE Chess Classic (3), 09.02.2013

Stellung nach 20...Sd7:


21.Lf1
Anand wies in der Pressekonferenz auf 21.e4!? hin und gab nach 21...dxe4 22.Sxe4 e5!? als interessanten Zug an. Seine Intuition täuschte ihn nicht. Die Stellung nach 23.Sd6 Lxg2 24.Kxg2 exd4 25.Dxd4 (25.Te7 Dc6+ 26.Kg1 Sxc5 27.Sxb7 Df6! könnte sogar besser für Schwarz sein) 25...Dc6+ 26.Kg1 Sxc5 27.Dxc5 Dxc5 28.Sxc5 Txd6 29.Sxb7= ist allerdings remis. 21...b6 22.cxb6 Sxb6 23.Sxb6 23.Sc5 ist objektiv besser, da Schwarz noch nicht alle Figuren tauschen kann. Weiß hätte laut Meier einen Minivorteil behalten. 23...Dxb6 24.Sa4 Lxa4 25.bxa4 Tac8 26.Dd2 Dd6 27.h4 g6 28.Lb5 h5 29.Ted1 Df8 30.Kg2 Kg7 31.Kg1 Kg8 32.Kg2 Kg7 33.Kg1 Die symmetreische Stellung bietet keinem der beiden Gewinnchancen. ½-½

Ausgeglichen verlief auch die Partie zwischen Michael Adams und Daniel Fridman.


Der Engländer zog entgegen seiner sonstigen Gewohnheit den c-Bauern zwei Felder nach vorne. "Das überraschte mich nicht, denn das hat er in letzter Zeit häufiger gespielt. Es überraschte mich eher, dass eine Katalanische Partie entstand", gab Fridman nach der Partie an. Die Spieler folgten einer langen Theorievariante, in der Weiß ein starkes Zentrum und eine sehr leichte Initiative ausübt. Solche Stellungen, in denen man die Kontrolle ausübt, mag der Engländer. Der 37-jährige Deutsche zeigte sich aber auf der Höhe und verteidigte sich in der Folge angemessen. Es entstand ein Turmendspiel, in dem Fridman im entscheidenden Moment alle Bauern am Damenflügel tauschte, wonach die Spieler das Remis beschlossen.

Am Sonntag den 10. Februar geht es um 15 Uhr mit der 4. Runde weiter. Die Paarungen lauten:

Daniel Fridman - Viswanathan Anand
Arkadij Naiditsch - Georg Meier
Michael Adams - Fabiano Caruana


Bericht und Fotos: Georgios Souleidis