Dramatisches Finish am 2. Tag

In der 2. Runde der GRENKE Chess Classic gab es einen Sieger, während zwei Partien friedlich endeten. Viswanathan Anand hielt gegen einen bestens präparierten Fabiano Caruana dagegen, Daniel Fridman und Georg Meier tricksten sich gegenseitig in der Eröffnung aus und Arkadij Naiditsch kämpfte Michael Adams nieder.

Viswanathan Anand und Fabiano Caruana duellierten sich in einer altbekannten Variante der Spanischen Partie.


Der Italiener überraschte seinen Gegner mit einem starken Bauernvorstoß im 20. Zug, dem er einige Züge später ein Bauernopfer folgen ließ, um sein Läuferpaar zur Geltung zu bringen. "Diese Idee habe ich mir gestern mit meinem Trainer Vladimir Chuchelov angeschaut. Die Stellung kann schnell gefährlich werden für Weiß", gab Caruana nach der Partie Auskunft. In der Tat vermied "Vishy" in der Folge jegliches Risiko und nachdem fast alle Figuren abgetauscht wurden, einigten sich die Spieler nach 40 Zügen auf Remis. "Ich merkte, dass seine Läufer sehr stark werden können und deswegen gab ich den Bauern zurück, um seine Initiative zu bremsen", äußerte sich der Weltmeister aus Indien im Anschluß. Es Folgt die Partie mit einigen Anmerkungen:

Anand,Viswanathan - Caruana,Fabiano [C92]
GRENKE Chess Classic (2), 08.02.2013

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3 Te8 10.d4 Lb7 11.Sbd2 Lf8 12.d5 Sb8 13.Sf1 Sbd7 14.S3h2 Sc5 15.Lc2 c6 16.b4 Scd7 17.dxc6 Lxc6 18.Lg5 h6 19.Lxf6 Sxf6 20.Sg4


20...a5!
Das hat Caruana mit seinem Coach Vladimir Chuchelov am Vorabend vorbereitet. Der Italiener gab sogar zu, dass es die Idee seines Trainers war. 21.Sxf6+ Dxf6 22.Se3?! Das ist fragwürdig, besser geschah 22.Dd3, um ...d5 - die schwarze Hauptidee - zu verhindern. 22...axb4 23.cxb4 d5?? 24.exd5+- und es droht Matt auf h7. 22...axb4 23.cxb4


23...d5!
Schwarz opfert unter Tempoverlust den d-Bauern, um die Stellung für seine Läufer zu öffnen und eine Veränderung der Bauernstruktur herbeizuführen. 24.exd5 Ld7 25.Db1 g6 26.d6! Ein sehr wichtiger Zug, der dem Springer nicht nur das Feld d5 zugänglich macht. Falls Anand darauf verzichtet hätte, hätte Schwarz seinen Läufer oder die Dame auf d6 gestellt und danach langsam aber sicher seine Bauern mit gefährlicher Initiative am Königsflügel vorgestoßen. 26...Tad8 27.a4 Lxd6


28.axb5
Anand vermeidet jegliches Risiko und steuert den sicheren Hafen an. Auf den ersten Blick sieht 28.a5 sehr stark aus, doch dem Inder gefiel die Stellung nach 28...Lb8 überhaupt nicht. Schwarz kann den Läufer auf a7 stellen und den schon genannten Bauernvormarsch am Königsflügel in die Tat umsetzen. 28...e4 29.Lxe4 Df4 30.Sf1 Lxb5 31.g3 Df6 32.Lg2 Es wird weiteres Material getauscht, wonach das Remis bald unterschriftsreif ist. 32...Txe1 33.Dxe1 Lxf1 34.Dxf1 Auf 34.Lxf1 ist 34...Lxb4! ebenfalls möglich, da der Turm auf a1 hängt. 34...Lxb4 35.Ta8 Txa8 36.Lxa8 Ld6 37.Kg2 Kg7 38.Lf3 Lf8 39.De2 De7 40.Dxe7 Lxe7 ½-½

Daniel Fridman und Georg Meier tricksten sich in der Eröffnung gegenseitig aus. Fridman wählte eine bestimmte Zugfolge, um eine bessere Version einer Variante der Nimzo-Indischen Verteidigung, die zwischen ihnen schon beim Sparkassen Chess-Meeting zur Debatte stand, zu erhalten.


Meier ließ sich darauf ein, wählte aber seinerseits mit dem Läuferausfall nach b4 im 5. Zug eine Fortsetzung, die Fridman nicht erwartet hatte. Danach spielte der gebürtige Lette betont sicher. Es entstand ein ausgeglichenes Schwerfigurenendspiel, das im 26. Zug durch Zugwiederholung remis endete. Georg Meier wies nach der Partie darauf hin, dass er keine Gewinnchance besaß: "Gegen Daniel ist es schwierig zu gewinnen mit Schwarz, weil er jedes Risiko aus der Stellung nimmt, sobald er überrascht wird."

Die spannendste und deutlich längste Partie des Tages lieferten sich Arkadij Naiditsch und Michael Adams.


Hier stand ebenfalls eine Variante der Nimzo-Indischen Verteidigung auf dem Brett, die zu einer klassischen Isolani-Struktur führte. Weiß belagerte den Bauern d5 und schlug im 27. Zug zu, obwohl seine Dame angegriffen war. Schnell wurde deutlich, dass Adams das Opfer nicht annehmen darf, weil er Haus und Hof verlieren würde. Stattdessen nutzte er die Situation, um mit seiner Monarchin die weißen Bauern am Damenflügel abzurasieren. Die Deutsche Nr. 1 hatte allerdings genügend Gegenspiel gegen den schwarzen König, um das Bauernminus zu kompensieren. Es bahnte sich die Zugwiederholung an, da beide Seiten keinen Vorteil erzielen konnten, doch der 27-jährige Deutsche wollte sich mit der Punkteteilung nicht zufrieden geben.

Er kämpfte weiter und verleitete seinen Gegner im 56. Zug zu einem Qualitätsopfer. Der Engländer gab den Turm für den Springer, pochte aber auf zwei entfernte Freibauern am Damenflügel. Die Lage spitzte sich sukzessive zu, da beiden Spielern die Zeit davon lief. Beide lebten am Ende nur noch von ihrer Zeitgutschrift von 30 Sekunden. Naiditsch hatte seinen Freibauern bis nach e7 laufen lassen und forcierte im richtigen Moment den Damentausch, wonach "Mickey" keine Verteidigung gegen das Eindringen des Turms nebst Bauernumwandlung zur Verfügung stand. Nach 6 Stunden und 50 Minuten gab er die aufreibende Partie auf.

Trotz der langen Spielzeit traten die Kontrahenten vor das Mikrofon und gaben unserem englischen Kommentator Lawrence Trent ausführlich Auskunft. Arkadij Naiditsch äußerte sich folgendermaßen:


"Meine Stellung nach der Eröffnung gefiel mir eigentlich schon ganz gut. Dann stellte er den Bauern auf d5 ein und kurze Zeit später verpasste ich aus meiner Sicht eine gewinnverheißende Fortsetzung. Danach war es lange sehr sehr kompliziert und völlig unklar. Sein Turmopfer auf f3 war wohl die beste praktische Chance. Ich bin stolz, dass ich dann den Plan sah, mit meinem König von einem Flügel zum anderen zu laufen. Ich deckte alle Felder ab, auf denen er Schach geben kann. Danach öffnete ich die h-Linie und dann muss die Stellung gewonnen sein."

Mit diesem Sieg liegt die deutsche Nr. 1 nach zwei Runden zusammen mit Fabiano Caruana mit 1,5 Punkten an der Spitze.

Am Samstag den 9. Februar geht es um 15 Uhr mit der 3. Runde weiter. Die Paarungen lauten:

Michael Adams - Daniel Fridman
Fabiano Caruana - Arkadij Naiditsch
Georg Meier - Viswanathan Anand

Bericht und Fotos: Georgios Souleidis