Anand gewinnt GRENKE Chess Classic

Viswanathan Anand heißt der Sieger der GRENKE Chess Classic in Baden-Baden. Der 43-jährige Inder besiegte in der letzten Runde Arkadij Naiditsch, während sein vor der letzten Runde punktgleicher Konkurrent, Fabiano Caruana, nicht über ein Remis gegen Daniel Fridman hinauskam. Friedlich endete auch die Partie zwischen Michael Adams und Georg Meier.

In der letzten Runde machte sich bei den Teilnehmern die Müdigkeit deutlich bemerkbar. Die Partien ließen die sonst so hohe Qualität vermissen, so dass der Ausgang der Duelle und damit zu jeder Zeit auch der Turnierausgang völlig offen war. Viswanathan Anand profitierte von einem Aussetzer Arkadij Naiditschs und legte mit einem Sieg in der Tabelle vor. In einer Rossolimo-Variante der Sizilianischen Verteidigung zeigte sich der Weltmeister mit Schwarz gut vorbereitet.


Er opferte eine Qualität für zwei zentrale Bauern, die ihm gutes Spiel sicherten. Danach forcierte er den Damentausch und ein Endspiel, das ihm Gewinnchancen bot. Anstatt ruhig seine Stellung zu verbessern, leistete er sich mit einem unbedachten Bauernzug eine Ungenauigkeit, wonach Naiditsch die Stellung für einen seiner Türme öffnen konnte. "Das war Unfug und ich hätte das auch nicht zulassen müssen", war Anand im Anschluss sichtlich verärgert. Es entstand ein Turmendspiel, in dem der 43-jährige Inder einen Mehrbauern hatte, das aber bei genauer Verteidigung wahrscheinlich remis hätte enden müssen. Der Deutsche leistete sich aber einen kapitalen Fehler, als er seinen König auf ein Feld stellte, von dem er zwei Züge später mit Tempo vertrieben wurde. "Dieses Tempo war entscheidend. Ich sah, dass Weiß danach in Zugzwang kommt", meinte Anand und fügte hinzu, dass er heute ein wenig "lucky" war.


Naiditsch,Arkadij - Anand,Viswanathan [B52]
GRENKE Chess Classic (10), 17.02.2013

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Ld7 4.Lxd7+ Dxd7 5.c4 Sf6 6.Sc3 g6 7.d4 cxd4 8.Sxd4 Lg7 9.0-0 Sc6 10.Sde2 De6


Anand schaute sich diesen Zug kurz vor dem Turnier an und war überrascht, dass es so viele Partien in der Datenbank gibt. Er sah natürlich auch, dass Kasparov die Variante mit Weiß auch mal gespielt hat. 11.Sd5 Dxe4 12.Sc7+ Kd7 13.Sxa8 Dxc4 14.Sc3 Kasparov setzte gegen "Die Welt" mit 14.Sb6+ fort und stand nach 14...axb6 15.Sc3 Ta8 16.a4 Se4?! 17.Sxe4 Dxe4 18.Db3 etwas besser, Kasparov,G (2851)-Die Welt/Internet MSN 1999. 14...Txa8 15.Lg5 e6 16.Te1 Sd5!


Auf Kosten der Bauernstruktur strebt Schwarz den Damentausch an. Danach meinte Anand, dass er absolut sicher stehe. 17.Sxd5 Dxd5 18.Dxd5 exd5 19.Tad1 h6 20.Lc1 d4 Der Bauer auf d4 schränkt die weißen Figuren stark ein. 21.Td3 Tc8 22.Tb3 b6 23.Kf1 Se5 24.Ta3


24...a5? Anand war im Nachhinein sehr unzufrieden mit diesem Zug und meinte ironisch "Ein sowjetischer Trainer wäre sehr böse mit mir gewesen." Stattdessen plädierte er für eine ruhige Spielweise beginnend mit 24...Tc7 und danach mit ...f5, ...g5 usw. Er war überzeugt, dass Schwarz hier besser stünde. 25.b4 Tc2 26.bxa5 bxa5 27.Txa5 Sd3 28.Ta7+ Kc6 29.Txf7 Sxe1 Bei 24...a5 hatte Anand 29...Le5 geplant, doch jetzt gesehen, dass 30.Lxh6 folgt. 30.Kxe1 Txc1+ 31.Kd2 Tg1 32.Txg7 Txg2


33.Ke1? Ein fürchterlicher Fehler, der die Partie einstellt. Die Frage ist, ob Weiß das Turmendspiel nach 33.Ke2! halten kann. Anand wies darauf hin, dass man diese Stellung tief analysieren muss, bevor man ein endgültiges Urteil spricht. Nach 33.Ke1 war sich Anand ziemlich sicher, dass er gewinnen würde. 33...Txh2 34.Txg6 Th1+ Mit dem König auf e1 gewinnt Schwarz dieses wichtige Tempo. 35.Kd2 h5 36.Th6 h4 37.a4 h3 38.a5 h2 39.a6


39...Kc7 Der Tempokampf beginnt. Weiß gehen bald die Züge aus und er verliert den a-Bauern. Offensichtlich darf er den f-Bauern nicht ziehen, weil Schwarz sofort mit dem Turmschwenk nach a1 gewinnen würde. 40.Th7+ Kb8 41.Ke2 41.Tb7+ Ka8 42.Th7 d3 43.a7 d5 läuft auf das gleiche hinaus. 41...d3+ 42.Kd2 Ka8 43.Th5 Ka7 44.Th6 d5 45.Th8 Kxa6 46.Th6+ Kb5 47.Th8 Kc4 48.Tc8+ Kd4 49.Th8 Ke4


Weiß gab auf. Die Gewinnidee sieht folgendermaßen aus: Schwarz holt sich mit dem König den f-Bauern ab und schickt ihn danach wieder zurück zur 4. Reihe. Da der f-Bauer verschwunden ist, gewinnt er mit dem Turmschwenk nach a1. 0-1

Das Verfolgerduell zwischen Michael Adams und Georg Meier endete remis. Der 25-jährige Trierer führte die schwarzen Steine und überraschte seinen Gegner in einer selten gespielten Variante der Französischen Verteidigung mit einer ungewöhnlichen Spielweise.


"Schon im 4. Zug war ich heute aus dem Buch", zeigte sich Adams erstaunt über die Ereignisse. Die Partie plätscherte so dahin, bis der Engländer aus dem Nichts eine Qualität einstellte. Meier übersah aber die beste Fortsetzung, die ihm die Qualität und deutlichen Vorteil gesichert hätte, und war so erbost über sich selbst, dass er ein Turmendspiel forcierte. Nach 32 Zügen endete die Partie durch Zugwiederholung. "Nachdem ich den sofortigen Gewinn übersah, wollte ich die Partie einfach nur noch beenden", äußerte sich Meier im Anschluss.


Adams,Michael - Meier,Georg [C00]

GRENKE Chess Classic (10), 17.02.2013

1.e4 e6 2.d3 d5 3.De2 Sf6 4.Sf3 Sc6 Ein sehr seltener Zug. Adams war hier schon aus dem Buch, während Meier letztes Jahr damit Erfahrungen gegen Wesley So gesammelt hat. 5.e5 Sd7 6.g3 f6 7.exf6 Dxf6 8.Lg2 Ld6 9.0-0 0-0 10.c4 Sc5 11.Sc3 dxc4 12.dxc4 e5 13.Se4 13.Sd5 ist wohl der kritische Zug, meinte Adams nach der Partie, doch ihm war heute nicht großem Kampf zu Mute. 13...Sxe4 14.Dxe4 Kh8 15.Lg5 Df7 16.Le3 Lf5 17.Dd5 Dxd5 18.cxd5 Sb4


19.Sd2? Ein simpler Einsteller. 19...Ld3 19...Sc2! 20.Tac1 Ld3 21.Tfd1 Le2 22.Txc2 Lxd1 mit großem Vorteil war noch genauer, weil Schwarz den starken weißfeldrigen Läufer behält. 20.Le4 Lxe4 Meier war enttäuscht, dass er 19...Sc2 übersehen hatte und wickelte hier direkt ins remisliche Endspiel ab, anstatt sich die Qualität zu schnappen. Es sprach natürlich nichts gegen 20...Lxf1 Die Stellung ist technisch nicht trivial zu gewinnen, aber objektiv musste man so spielen. 21.Sxe4 Sxd5 Schwarz gewinnt vorübergehend einen Bauern, den er aber nicht wirklich halten kann. 22.Sxd6 cxd6 23.Tad1 Sxe3 24.fxe3 Txf1+ 25.Kxf1 Td8 26.Tc1 Kg8 27.Tc7


Das Remis durch Zugwiederholung kann Schwarz nicht vermeiden. 27...Tf8+ 28.Ke2 Tf7 29.Tc8+ Tf8 30.Tc7 Tf7 31.Tc8+ Tf8 32.Tc7 ½-½

Überaus dramatisch verlief das Duell zwischen Daniel Fridman und Fabiano Caruana. Der 37-jährige Bochumer wählte gegen die Slawische Verteidigung seines Gegners die Abtauschvariante.


Dementsprechend ruhig entwickelte sich die Partie und als Anand sein Duell gegen Naiditsch gewann, stand es ausgeglichen. Es war klar, dass der 20-jährige Italiener weiterspielen würde, um seine Chance auf den Turniersieg zu wahren. Bis kurz vor der Zeitkontrolle passierte nichts, doch dann leistete sich Fridman in einer symmetrischen Struktur einen taktischen Fehler, der ihn einen Bauern kostete. Plötzlich lag ein Tiebreak um den Turniersieg zwischen Anand und Caruana wieder in der Luft. Im Endspiel besaß der Italiener einen Läufer gegen einen Springer plus einen Mehrbauern. Es war nicht einfach durchzubrechen für ihn und nun leistete er sich einen Fehler. Er ließ die Verschlechterung seiner Bauernstruktur und die Aktivierung des weißen Springers zu. Alle gingen nun von einem Remis aus, doch zu vorgerückter Stunde häuften sich die Fehler. Fridman verteidigte sich ungenau und für einen Moment hatte Caruana eine Gewinnstellung, nur um sie einen Zug später wieder aus den Händen zu geben. Nach 86 Zügen willigte er ins Remis ein. "Ich bin natürlich enttäuscht. Ich stand auf Gewinn und dann patze ich rum", wirkte der Italiener leicht frustriert nach dem langen Kampf.

Schauen wir uns zwei kritische Momente an:


Fridman,Daniel - Caruana,Fabiano

GRENKE Chess Classic (10), 17.02.2013

Stellung nach 35...Sd6:


36.Lxd6? Im Bestreben die Stellung zu vereinfachen stellt Weiß einen Bauern ein. 36...Dxd6+ 37.f4 37.Kh3 Lxh4! und Weiß darf den Läufer wegen 38...Dh2+ nebst Matt nicht schlagen. 37...Lxh4 Caruana ging davon aus, dass Schwarz ab hier auf Gewinn steht. 38.Dc1 Ld8 39.Dc8 g5 40.g3 gxf4 41.gxf4 Dc7 42.Dxc7 Lxc7 43.Kh3 Kh7 44.Kg4 Kg6 45.Se1 Ld6 46.Sf3 f6 47.Se1 Lb4 48.Sf3 La3 49.Sg1 Lc1 50.Kf3 Ld2 51.Se2 Lb4 52.a4 Ld2 53.Sg3 Le1 54.f5+ exf5 55.Se2 Kf7 56.Sf4 g5 57.Sxd5 Ke6 58.Sc7+ Kf7 59.Sd5 Lb4 60.Sxb6 g4+ 61.Kf2 Ke6 62.Ke2 Kd6 63.Sc4+ Kd5 64.Kd3 g3 65.Ke2


65...Ke4? Es gewann 65...f4! 66.exf4 Kxd4 67.Kf3 Kc3 und Weiß kann auf Dauer die Bauern auf Damenflügel nicht verteidigen. 66.d5! Weiß findet den Weg zum Remis. Schwarz versuchte noch 20 Züge lang sein Glück, doch an der Punkteteilung führt kein Weg vorbei. 66...Kxd5 67.Kf3 Le1 68.Sb2 g2 69.Kxg2 Ke4 70.Sc4 Lc3 71.Kf2 f4 72.exf4 Kxf4 73.Ke2 f5 74.Kd3 Lb4 75.Se3 Lc5 76.Sc4 Lb4 77.Se3 Ld6 78.Sc4 Lc7 79.Se3 Ld8 80.b4 axb4 81.Sd5+ Kg3 82.Sxb4 f4 83.Ke2 Kg2 84.Sd3 f3+ 85.Ke3 Kg3 86.Ke4 Lb6 ½-½

Damit stand nach fast sieben Stunden Spielzeit in der letzten Runde fest, dass Viswanathan Anand der Gewinner der GRENKE Chess Classic ist. Nach sage und schreibe fast fünf Jahren war es für "Vishy" der erste Turniersieg. Der letzte gelang ihm 2008 in Morelia/Linares.

Stimmen zum Turnier

Sven Noppes (Turnierdirektor): Wir sind mit dem Verlauf der GRENKE Chess Classic sehr zufrieden. Das Großmeisterturnier fand großen Anklang im In- und Ausland und unsere Rahmenturniere waren sehr gut besucht, insbesondere wenn man bedenkt, dass wir nur einen kurze Vorlaufzeit hatten. Wir gehen davon aus, dass das erst der Anfang war und planen jetzt schon für die 2. Auflage im kommenden Jahr. Hier soll eine neue Tradition entstehen.

Viswanathan Anand: Natürlich bin ich froh nach 2008 mal wieder ein Turnier gewonnen zu haben. Insbesondere in den Jahren 2011 und 2012 habe ich furchtbar gespielt. Dieses Jahr hatte ich mir einiges vorgenommen und in Wijk aan Zee fing es gut an, nimmt man meine Niederlage gegen Wang Hao heraus. Generell hatte ich in den letzten Jahren zwei Probleme. Ich bekam lange keine guten Stellungen mehr auf das Brett und wenn ich gute Stellungen erhielt, dann machte ich zu häufig Fehler. Daran muss ich wieder verstärkt arbeiten. Mit meiner Leistung in Baden-Baden bin ich insgesamt zufrieden, auch wenn mir auch hier wieder einige nicht nachvollziehbare Fehler unterliefen.

Fabiano Caruana: Ich bin mit meiner Leistung nicht zufrieden. Mein Spiel war nicht besonders gut und ich habe ein paar Mal Glück gehabt. Trotzdem hätte ich das Turnier gewinnen müssen und deswegen bin ich letztendlich enttäuscht, insbesondere über die letzten zwei Runden.

Georg Meier: Ich bin zufrieden. Das war mein bestes Superturnier. Die Qualität meiner Partien in der zweiten Turnierhälfte war außerordentlich hoch. Das scheint bei mir normal zu sein, aber leider muss ich immer erstmal ins Turnier finden. Am Montag geht es wieder zurück nach St. Louis, wo ich International Business studiere.

Michael Adams: Ich bin nicht unzufrieden. Die heutige Partie war natürlich Quatsch, aber ansonsten war die Qualität in Ordnung und ungefähr das, was man erwarten konnte. Ich bin nicht unglücklich. Ich hatte kaum Chancen und wenn, dann haben sich die Gegner gut verteidigt.

Arkadij Naiditsch: Der Knackpunkt des Turniers war für mich die total gewonnene Partie gegen Caruana in der 8. Runde. Anstatt zu gewinnen und die Führung im Turnier zu übernehmen, verliere ich die Partie und damit die Motivation für die letzten Runden. Dann passieren solche Fehler wie gegen Meier in der 9. und Anand in der 10. Runde. Ich war natürlich auch müde nach zwei großen Turnieren in Folge, doch ich hätte mich schon motiviert, wenn ich gegen Caruana gewonnen hätte. Für mich ist es normal alle Partien auszukämpfen. Bei einem Turnier, in dem nur drei Partien auf der Bühne stattfinden, ist man das auch den Zuschauern schuldig. Von mir aus könnte man bei Einzelturnieren auch ein komplettes Remisverbot einführen.

Daniel Fridman: Die letzte Runde war die Krönung. Wie ich ein leicht besseres Endspiel noch beinahe verliere, ist unglaublich. Es ist wie eine Lawine. Man macht einen Fehler, wird unsicher und produziert weitere Fehler. Nach der 1. Hälfte des Turniers hatte ich mir mehr erhofft, aber offensichtlich muss ich an meiner Kondition arbeiten. Auf jeden Fall muss ich ein paar Kilos abnehmen.


Bericht und Fotos: Georgios Souleidis