Spannung vor der Schlussrunde

In der 9. Runde der GRENKE Chess Classic gab es drei Sieger. Viswanathan Anand war besser präpariert als Daniel Fridman, Georg Meier zeigte gegen Arkadij Naiditsch eine feine positionelle Leistung und Michael Adams konterte mit den schwarzen Steinen Fabiano Caruana aus. Die Ergebnisse wirbelten das Klassement gehörig durcheinander und vor der Schlussrunde liegen mit Anand und Caruana zwei Spieler punktgleich an der Spitze.

Vor Beginn er 9. Runde begrüßte Turnierdirektor, Sven Noppes, den Präsidenten des Deutschen Schachbunds, Herbert Bastian, der zusammen mit einer kleinen Delegation die abschließenden Runden der GRENKE Chess Classic beehrt.


Der DSB gehört neben GRENKE und dem Brenners Park-Hotel & Spa zu den Sponsoren der Veranstaltung. Bastian verwies auf die Bedeutung eines zweiten Großmeisterturniers in Deutschland, neben dem Sparkassen Chess-Meeting in Dortmund, und wünscht, dass die 1. GRENKE Chess Classic nur der Anfang einer neuen Tradition sein wird. Die Chancen stünden nicht schlecht, meinte Sven Noppes, denn es ist auch für die Organisatoren ein großes Anliegen, dieses Turnier weiterzuführen.

Zum Sportlichen. Viswanathan Anand kam bei der GRENKE Chess Classic zu seinem zweiten Sieg.


In einer weit analysierten Variante der Russischen Eröffnung präsentierte der Weltmeister im 20. Zug(!) eine Neuerung, auf die der Deutsche nicht korrekt reagierte. Er nahm ein Bauernopfer an, musste sich aber postwendend mit weitreichenenden taktischen Drohungen auseinandersetzen. Er verlor sich im Variantendickicht und schnell entscheidend Material. "Ich habe heute alles übersehen. Schon das Bauernopfer hätte ich nicht annehmen sollen", meinte der Deutsche. Obwohl der Weltmeister für viele überraschend an einer Stelle den sofortigen Gewinn ausließ, gab es kein Entkommen. "Weiß stand so gut, sogar ich konnte diese Stellung nicht versauen", gab der 43-jährige Inder typisch selbstironisch zu Protokoll.


Anand,Viswanathan - Fridman,Daniel [C42]

GRENKE Chess Classic (9), 16.02.2013

1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d4 d5 6.Ld3 Sc6 7.0-0 Le7 8.c4 Sb4 9.Le2 0-0 10.Sc3 Lf5 11.a3 Sxc3 12.bxc3 Sc6 13.Te1 Te8 14.cxd5 Dxd5 15.Lf4 Tac8 16.h3 h6 17.Sd2 Sa5 18.Lf3 Dd7 19.Se4 Tcd8


20.Ta2 Ab hier war Fridman auf sich alleine gestellt. Bekannt war ihm 20.Sg3 Lg6 21.Lh5 Ld6 22.Lxd6 Txe1+ 23.Dxe1 cxd6 24.Lxg6 fxg6 25.De4 Df7 26.Te1 Tf8 mit Gegenspiel in Akopian,V (2696)-Kasimdzhanov,R (2695), FIDE Grand Prix Naltschik 2009. Das ist allerdings kein Wunder, denn der Deutsche war bei jenem Turnier der Sekundant von Kasimdzhanov. Allerdings war der Usbeke in den letzten Jahren auch der Sekundant von Anand, so dass davon auszugehen ist, dass der Weltmeister bestens über diese Variante Bescheid wusste. 20...b6 21.Tae2 Lxa3 Vielleicht ist das schon ein Fehler, falls es nach dem nächsten weißen Zug keine Rettung gibt für Schwarz. 22.Lg4!


"Eine wichtige Idee, die mir bekannt war", erwähnte Anand nach der Partie. 22...Tf8?! Die Hauptidee besteht in  22...Lxg4? 23.Sf6+! gxf6 24.Txe8+ Txe8 25.Dxg4+ Dxg4 26.Txe8+ Kg7 27.hxg4+-; 22...Te7 23.Sf6+! gxf6 24.Txe7 Lxe7 25.Txe7! Dxe7 26.Lxf5 Kf8 (26...Df8 27.Dh5±) 27.Lxh6+ Ke8 Bis hierhin gab Anand die Variante nach der Partie an. 28.Lg7±; Eigentlich war hier nur mit 22...Le6! Widerstand zu leisten. Während Fridman den Zug während der Partie nicht wirklich in Betracht zog, schien Anand sich nicht dazu äußern zu wollen - ein Zeichen, dass er darauf etwas in petto hatte. Mit den Konsequenzen werden sich Russich-Experten noch eine Weile beschäftigen müssen, um Klarheit zu erlangen. Wir schauen kurz auf einige Möglichkeiten, die teilweise weltmeisterlisches Können erfordern, um korrekt berechnet zu werden.

23.d5!? Ein interessanter Vorschlag von Großmeister Jan Gustafsson, der für die letzten beiden Runden vor Ort weilt.

a) 23...Dxd5? 24.Td2 Lxg4 (24...Da8 25.Sf6+! gxf6 26.Lxe6 fxe6 27.Lxh6 Lf8 28.Dg4++-) 25.Sf6+ Kf8 26.Txe8+ Txe8 27.hxg4 Db3 28.Sxe8 Dxd1+ 29.Txd1 Kxe8 mit weißem Vorteil

b)23...f5 24.Sf6+ gxf6 25.Txe6 Txe6 26.dxe6 De7 27.Df3 fxg4 28.Dxg4+ Dg7 29.Dh5 ist unklar.

c) Nach 23...Lf8 ist es schwierig Kompensation für Weiß nachzuweisen.

23.Lxh6 Lxg4 (23...f5!?) 24.Sf6+ gxf6 25.Txe8+ Txe8 26.Txe8+ Kh7 27.De1 Kxh6 28.De4! und remis ist hier das wahrscheinlichste Ergebnis. 23.Lxf5± Dxf5 24.Lxc7 Td7 25.Le5! Ein wichtiger Zug. Es droht 26.Sg3 und die schwarze Dame kann wegen des Läufereinschlags auf g7 nicht nach e6. 25...f6 26.Sg3 De6 27.Da4 27.Lxf6 Dxf6 28.Da4 mit Bauerngewinn kam ebenfalls in Frage.


27...Sc4? Maximaler Widerstand war mit 27...fxe5! zu leisten, z.B: 28.Txe5 Df7 29.Tf5 Te7! 30.Ta1 Db3 31.Dxa3 Dxa3 32.Txa3 Sc4 und Weiß hat einen Bauern mehr, der aber erstmal verwertet werden muss. Immerhin verfügt Schwarz über einen entfernten Freibauern. 28.Ld6!+- Das hatte Fridman nach eigener Aussage übersehen. Weiß gewinnt Material. 28...b5 29.Txe6 bxa4 30.Lxf8 Kxf8 31.Ta1 Lb2 32.Txa4 Sb6


33.Ta6 33.Txb6! axb6 34.Se2 nebst 35.Ta2 zwingt Schwarz sofort zur Aufgabe. Anand gab zwar zu, das nicht gesehen zu haben, die Stellung ist aber weiter einfach gewonnen für ihn. Der Rest erfolgt ohne Kommentar. 33...Lxc3 34.Sf5 Lb4 35.Te2 Kf7 36.Tea2 Sc8 37.g4 g6 38.Sxh6+ Kg7 39.g5 fxg5 40.Sg4 Txd4 41.Tc2 Se7 42.Txa7 Ld6 43.Kg2 Kf7 44.Te2 Lb4 45.Te5 Ld6 46.Txg5 Ke6 47.Ta6 1-0

"Mit Weiß spiele ich 1000 Punkte besser", übertrieb Georg Meier nach seinem Sieg gegen Arkadij Naiditsch, aber der 25-jährige Trierer spielt zwei unterschiedliche Turniere in Baden-Baden. Mit Schwarz hat er seine liebe Mühe gegenzuhalten, aber mit Weiß bereitet er seinen Gegnern mächtig Kopfzerbrechen. Gegen seinen Kollegen aus der Nationalmannschaft, Arkadij Naiditsch, zeigte er eine feine positionelle Leistung.


In einer Variante der Bogo-Indischen Verteidigung präsentierte er seinem Gegner im 11. Zug einen neuen Zug und hatte alsbald ein leichtes Übergewicht. Naiditsch hielt zuerst im Zentrum dagegen, doch im 25. Zug erlaubte er sich eine schwache Fortsetzung. Er zog den Springer auf das Randfeld a8, wonach Meier mit präzisen Schlägen im Zentrum und am Königsflügel Material und nach 47 Zügen die Partie gewann. Naiditsch hatte für seine Niederlage keine besondere Erklärung parat: "Ich habe heute einfach schlecht gespielt".

Meier,Georg - Naiditsch,Arkadij [E11]
GRENKE Chess Classic (9), 16.02.2013

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 Lb4+ 4.Ld2 Lxd2+ 5.Dxd2 d5 6.g3 0-0 7.Lg2 Sbd7 8.0-0 dxc4 9.Tc1 De7 10.Txc4 c6


11.b3 Ein feiner neuer Zug. Die Dame soll nach b2, um danach die Entwicklung mit Sbd2 abzuschließen. 11.Df4 Te8 12.e4 e5 13.dxe5 Sxe5 14.Dxe5 Dxe5 15.Sxe5 Txe5 16.Sc3 Te7 17.Td4 Le6 18.f4 Td7= Le Quang Liem (2693)-Adams,M (2722), Schacholympiade Istanbul 2012. 11...Te8 12.Se5 Bis hierhin geht Meiers heimische Analyse. Weiß steht etwas besser. Er hat Raumvorteil und der Läufer auf c8 ist ein Sorgenkind für Schwarz. 12...Sd5 13.Db2 f6 14.Sxd7 Lxd7 15.Sd2 e5 16.dxe5 Dxe5 17.Dxe5 Txe5


18.Se4! Stark. Der Springer soll über die schwarzen Felder ins schwarze Lager eindringen und der e-Bauer soll möglichst in einem Zug nach e4. 18...Sb6 19.Td4 Le6 20.Tad1 20.f4?! Ta5 mit Gegenspiel (Meier). 20...Ld5 21.Sc3 21.f4 Te6 22.T1d2 Tae8 23.Sc3 Lxg2 24.Kxg2 Te3= (Meier). 21...Lxg2 22.Kxg2 Tae8


23.e3! 23.e4?! ist wegen 23...f5! verfrüht. Weiß kann das Zentrum nicht halten. 24.f4 Tc5 mit Gegenspiel (Meier). 23...Kf7 24.a4 T8e7 25.b4


25...Sa8? Das ist ein grober Fehler. Schwarz hat nicht die Zeit, um den Springer umzugruppieren. Normal wäre 25...f5 26.h3 und Schwarz muss sich weiter passiv verhalten. Die Stellung ist deutlich angenehmer für Weiß. Er beherrscht die einzige offene Linie und kann am Königsflügel aktiv werden. 26.e4 g5 27.f4 gxf4 28.gxf4 Th5 29.Se2+- Th4 30.Kg3 Th5 31.Kg2 Th4


32.Sg3! Txf4 33.Sf5 Txf5 Einziger Zug, aber nicht ausreichend. Den Rest spielt Meier technisch einwandfrei und muss nicht kommentiert werden. 33...Texe4?? 34.Sd6++- 34.exf5 Sb6 35.Th4 Kg7 36.Tg4+ Kf7 37.Th4 Kg7 38.Tg1 Sxa4 39.Kf3+ Kf8 40.Thg4 Tf7 41.Tg8+ Ke7 42.Td1 Sb6 43.Tb8 Sd7 44.Txb7 Ke8 45.Kf4 Se5 46.Txf7 Kxf7 47.Ke4 1-0

Michael Adams sorgte mit seinem Sieg gegen Fabiano Caruana für Spannung im Turnier.


In einer bekannten Variante der Katalanischen Partie begnügte sich der Italiener mit den weißen Steinen nicht mit einem Remis, sondern riskierte mit erstaunlichen Bauernvorstoßen in einer symmetrischen Stellung alles. Strategisch sollten sich seine Entscheidungen am Ende als falsch herausstellen. "Es war seltsam, dass mein Gegner das Zentrum schloss, obwohl er über das Läuferpaar verfügte", wies der Engländer auf einen möglichen Fehler seines Gegners hin. Nach und nach drängte "Mickey" seinen Gegner, dem die nützlichen Züge ausgingen, in die Defensive und fiel über den weißen König her. Caruana gab nach 54 Zügen auf.


Caruana,Fabiano - Adams,Michael [A40]

GRENKE Chess Classic (9), 16.02.2013

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 d5 4.Sf3 Lb4+ 5.Ld2 Le7 6.Lg2 c6 7.Dc2 Sbd7 8.0-0 b6 9.Td1 0-0 10.Lf4 Lb7 11.Se5 Sh5 12.Ld2 Shf6 13.cxd5 cxd5 14.Sc6 Lxc6 15.Dxc6 Tc8 16.Db5


16...Se8!? Adams möchte ...f5 folgen lassen. Diese Idee hatte er sich vor den London Chess Classic zu Hause angeschaut. 17.Dd3 Sd6 18.b3 f5 19.f3 Sb8 20.Sc3 Sc6 21.e3 Lf6 22.Se2 Dd7 23.Tac1 Tc7 24.Le1 Tfc8


25.g4!?
Eine erstaunliche Entscheidung. Gemäß der Turniersituation gab es für Caruana keinen Grund so aggressiv zu Werke zu gehen. 25...a5 Das bezeichnete Adams im Anschluss als ehrgeizig. Für ruhigere Spieler käme auch der Generalabtausch über die offene c-Linie in Frage. 26.a3 a4!? Er möchte sofort das Feld c4 für seinen Springer. 27.bxa4 Sc4 28.gxf5 exf5 28...Sb2?! 29.fxe6 Dxe6 30.Sf4! Df7 31.Db5 Sxd1 32.Txd1 mit sehr guter Kompensation für Weiß. 29.Tb1 Se7 30.Lb4 Kh8


31.f4? Ein strategischer Fehler. Weiß sollte eher die Öffnung der Stellung anstreben, um sein Läuferpaar zur Geltung zu bringen. 31...De6! Mit Angriff gegen den Bauern e3. Schwarz übernimmt das Kommando. 32.Ld2 Lh4 33.Tb5 Tc6 34.Tdb1 h6 35.Kh1 Lf2 36.T5b3 Sg8 37.Tf1 Lh4 38.Le1 Lxe1 39.Txe1 Sf6 40.Sg3 Se4 41.Sxe4 dxe4 42.Dd1 Df7 43.Tg1 Kh7 44.De1?


44...Se5!-+ 45.Db1 45.dxe5 Dxb3-+ 45...Sg4 Dem weißen König gehts jetzt an den Kragen. 46.h3 Sf2+ 47.Kh2 Dh5 48.Kg3


48...Sxh3! 49.Lxh3 Tg6+ 50.Kh2 Txg1 51.Kxg1 Dxh3 52.d5 Td8 53.Df1 Dg4+ 54.Kh2 Txd5 0-1

Vor der letzten Runde liegen Viswanathan Anand und Fabiano Caruana mit 5,5 Punkten in Front. Es folgen mit 4,5 Punkten Michael Adams und Georg Meier, die sogar noch eine theoretische Chance auf den Turniersieg haben. Bei Punktgleichheit entscheidet über den 1. Platz ein Stichkampf. Die genauen Regeln entnehmen Sie bitte unter diesem LINK.

Die 10. und letzte Runde findet am Sonntag den 17. Februar um 13 Uhr statt.
Die Paarungen lauten:

Daniel Fridman - Fabiano Caruana
Michael Adams - Georg Meier
Arkadij Naiditsch - Viswanathan Anand


Bericht und Fotos: Georgios Souleidis