Caruana im Glück

Nach der 8. Runde ist bei der GRENKE Chess Classic eine Vorentscheidung gefallen. Fabiano Caruana besiegte Arkadij Naiditsch und führt zwei Runden vor Schluss mit einem Punkt Vorsprung vor Viswanathan Anand, der mit Weiß gegen Georg Meier nicht über ein Remis hinauskam. Mit dem gleichen Ergebnis endete die Partie zwischen Daniel Fridman, der seinen 37. Geburtstag feierte, und Michael Adams.

Vor Beginn der 8. Runde erhielt Daniel Fridman von allen Seiten Glückwünsche und von den Organisatoren u.a. ein Buch über das Baden-Badener Turnier 1870. Das brachte ihn zuerst ein wenig aus dem Konzept und er notierte auf seinem Formular anstatt des Datums der 8. Runde sein Geburtsdatum.


Nach einigem Gelächter mit seinem Gegner Michael Adams ging die Partie aber los. Der gebürtige Lette wählte mit Weiß gegen die Nimzowitsch-Indische Verteidigung seines Gegners eine Variante, die Großmeister Gawain Jones beim Tradewise Festival in Gibraltar vor drei Wochen gegen seinen Landsmann anwandte und etwas Vorteil erhielt. Adams wich gegen Fridman von der Vorgängerpartie im 12. Zug ab und forcierte ein minimal schlechteres Endspiel. "Ich dachte, dass man genau dieses Endspiel mit Schwarz vermeiden möchte. Aber es scheint, dass Schwarz keine Probleme hat", zeigte sich Fridman im Anschluss ein wenig verwundert. Weiß hatte in der Folge den Läufer gegen den Springer im Endspiel und eine bessere Struktur, doch der weiße König fand keinen Weg, um ins gegnerische Lager einzudringen. Das Remis erfolgte - ein Schelm, wer Böses dabei denkt - nach 37 Zügen.

Fridman,Daniel - Adams,Michael [E34]
GRENKE Chess Classic (8), 15.02.2013

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 d5 5.cxd5 Dxd5 6.e3 c5 7.Ld2 Lxc3 8.Lxc3 cxd4 9.Lxd4 Sc6 10.Lxf6 gxf6 11.Se2 Ld7 12.a3


12...De5 Gawain Jones meldete sich per Twitter: "Fridman spielt eine alte Variante gegen Nimzozitsch-Indisch, die ich gegen Mickey in Gibraltar anwandte. Ich erhielt ein wenig Vorteil und dementsprechend weicht Mickey mit 12...De5 ab." 12...0-0-0 13.Sc3 De5 14.Le2 Kb8 15.Td1 f5 16.Da4 Dg7 17.0-0² Jones,G (2632)-Adams,M (2725)/Tradewise Festival Gibraltar 2013. 13.Td1 Se7 14.Sd4 Das spielt man, um 14...Lc6 aus dem Spiel zu nehmen. Adams überlegte 20 Minuten und spielte den Zug trotzdem (Fridman). 14...Lc6 Normal ist 14...Da5+ 15.Dd2 mit einer ähnlichen Stellung. Adams fürchtete 15.b4 Dxa3 16.Dd2 Nach der Partie zweifelten die Spieler allerdings am Gehalt des weißen Bauernopfers. 15.Sxc6 Sxc6 16.Le2 Da5+ 17.Dd2 Dxd2+ Nach dem Damentausch ist die Stellung sehr nah am Remis (Adams). 18.Txd2 Ke7 19.Lf3 Tac8 20.Ke2 Thd8 21.Thd1 Txd2+ 22.Txd2 Tc7


23.Kd1 23.Lxc6 Txc6 24.Kd1 ist ebnfalls nah am Remis, auch wenn es Weiß schaffen sollte den Turm nach h4 zu bringen. Schwarz erhält Gegenspiel, indem er den gegnerischen König angreift und droht auf die 2. Reihe einzudringen (Adams). 23...Se5 24.Le2 f5 25.h3 h6 26.Td4 Td7 27.Txd7+ Sxd7 28.f4 Kd6 29.Lf3 b6 30.Kd2 Sc5 31.Kc3 Sa6 32.b4 Sc7 33.Kc4 f6 34.Lb7 Se8


35.Lf3 35.Kb5 Sc7+ und der weiße König wird zum Rückzug gezwungen. 35...Sc7 36.Lb7 Se8 37.Lf3 ½-½

Viswanathan Anand war nach seiner Partie gegen Georg Meier total enttäuscht und wollte in der Analyse mit dem englischen Kommentator, Lawrence Trent, gar nichts dazu sagen und sich stattdessen lieber mit dem Kampf zwischen Naiditsch und Caruana beschäftigen. "In so einem Moment kann ich dem Weltmeister natürlich nicht widersprechen", hielt sich Meier vornehm zurück. Was war passiert? Der 43-jährige Inder hatte Weiß und ließ sich auf die Rubinstein-Variante der Französischen Verteidigung, in der Meier einer der weltweit führenden Experten ist, ein.


Tatsächlich schaffte es Anand nach einigen taktischen Verwicklungen in ein Endspiel abzuwickeln, das ihm wegen der schwachen schwarzen Bauern am Damenflügel auf den ersten Blick gute Gewinnchancen bot. "Irgendwann muss ich technisch auf Gewinn gestanden haben", ließ sich der Weltmeister immerhin entlocken. In der Partie zeigte sich aber, dass der Nachziehende über gutes Gegenspiel am Königsflügel verfügt. Dort ließ Meier einfach seinen h-Bauern marschieren. "Vishy" gewann zwar die schwarzen Bauern am Damenflügel, doch Meier war mit seinem Turm auf die 1. Reihe eingedrungen. Er schlug den weißen g-Bauern und schuf sich einen Freibauern auf der h-Linie, der im Endeffekt sogar gefährlicher sein sollte als der weiße Freibauer auf der a-Linie. Beide Spieler holten sich eine neue Dame und der Weltmeister sah sich zu einem Dauerschach genötigt. Das Remis erfolgte nach 56 Zügen. "Zwischendurch war ich sehr besorgt, doch im Endspiel habe ich mich sehr gut verteidigt", äußerte sich der Deutsche zu seiner Leistung.

Anand,Viswanathan - Meier,Georg [C10]
GRENKE Chess Classic (8), 15.02.2013

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sf3 Sgf6 6.Sxf6+ Sxf6 7.Le3 Ld6 8.Ld3 0-0 9.De2 b6 10.0-0-0 Lb7 11.c4 c5 12.dxc5 bxc5


Für Weiß spricht die Bauernstruktur, für Schwarz die Möglichkeiten am Damenflügel und gegen den weißen König. 13.Sg5 h6 14.Sh7 Sxh7 15.Lxh7+ Kxh7 16.Dd3+


16...Kg8 16...f5! mit Raumgewinn ist sehr stark. 17.Dxd6 Dh4! (sogar das Endspiel nach 17...Dxd6 18.Txd6 f4 19.Lxc5 Tfc8 20.Ld4 (20.b4 a5) 20...Txc4+ 21.Lc3 Tc7= ist ausgeglichen) 18.Df4 Df6 19.Lxc5 Tfc8 20.Ld4 Txc4+ 21.Kb1 Dg6 mit Gegenspiel. 17.Dxd6 Da5 18.Kb1 Le4+ 19.Ka1 Lc2


Meier plante 20...Lb3 mit Gegenspiel, doch es folgte nun 20.Dg3! Das habe ich aus der Ferne übersehen. Jetzt hat Schwarz Schwierigkeiten (Meier). 20...Kh7 20...Lxd1 21.Lxh6 g6 22.De5 f6 23.De4± 21.Ld2 Da4 21...Da6 22.Lc3 Tg8 23.Td7 Taf8 ist eine Computervariante, die Meier aber gar nicht gefiel. 22.b3 Weiß kommt zu b3 und sichert seine Struktur am Damenflügel. 22...Dc6 23.Lc3 Lg6 24.Td6 De4 25.Te1 Dc2 26.Td2 Df5 27.De5 f6 28.Dxf5 Lxf5


Das ist wegen des Bauern auf c5 und der schlechten Struktur nah am Abgrund für Schwarz (Anand). 29.La5 Tf7 30.Ted1 g5 31.Td6 Tc8 32.Td7 Tcf8 33.T1d6 Kg6 34.Ld2 e5 35.Txf7 Txf7 36.Le3 Tc7 37.Ta6 h5 38.Kb2 h4


Es ist unklar, ob und wo Weiß in den letzten Zügen hätte besser spielen können. Laut Meier besitzt Schwarz inzwischen genügend Gegenspiel am Königsflügel. 39.Ta5 Td7 40.Lxc5 Td1 41.Ta6 Lc8 42.Txa7 Th1 43.Tc7 Lf5 44.h3 Th2 45.a4 Txg2 46.a5 g4 47.hxg4 Lxg4 Das Remis ist unvermeidbar. 48.a6 h3 49.a7 Lf3 50.Td7 h2 51.Td5 Lxd5 52.cxd5 h1D 53.a8D


53...Tg1 54.Dg8+ Kf5 55.De6+ Kg6 56.Dg8+ ½-½

Arkadij Naiditsch war der Pechvogel des Tages. Trotz einer klaren Gewinnstellung verlor er seine Partie gegen Fabiano Caruana und damit auch das Rennen um den Sieg bei der GRENKE Chess Classic. Die deutsche Nr. 1 wählte gegen die Spanische Eröffnung die Abtauschvariante und erhielt sehr schnell ein komfortables Mittelspiel.


Er bündelte seine Leichtfiguren gegen den schwarzen König und es sah alles nach einem tollen Mattangriff aus. Plötzlich verlor er aber den Faden und verpasste mehrmals eine bessere Fortsetzung bzw. den sofortigen Gewinn. "Ich hätte acht mal gewinnen können, aber vielleicht habe ich mich auch verzählt", überspielte die deutsche Nr. 1 die Lage mit Ironie. Was folgte war für alle deutschen Fans sehr schmerzhaft. Naiditsch hatte bei seinen Bemühungen Material geopfert und den eigenen König geschwächt. Dieser wurde nun Zielscheibe der schwarzen Angriffe. Naiditsch probierte noch allerlei taktische Tricks, doch Caruana war immer auf der Höhe des Geschehens und zwang seinen Gegner nach 49 Zügen zur Aufgabe. "Heute hatte ich Glück, gar keine Frage. Insbesondere die Eröffnung habe ich miserabel gespielt", klang es aus der Sicht des Italieners nach der Partie.


Naiditsch,Arkadij - Caruana,Fabiano [C68]

GRENKE Chess Classic (8), 15.02.2013

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.Lxc6 dxc6 5.0-0 Df6 6.d4 exd4 7.Lg5 Dd6 8.Sxd4 Le7 9.Le3 Sf6 10.f3 0-0 11.Sd2


11...c5?! Der ganze Plan mit dem Aufmarsch seiner Bauern am Damenflügel bezeichnete der Italiener im Nachhinein als verfehlt. 12.Sc4 Dd8 13.Se2 De8 Das Endspiel nach 13...Dxd1?! 14.Taxd1 ist deutlich besser für Weiß, weil seine Figuren im Gegensatz zu denen des Gegners alle entwickelt sind. 14.Lf4 b5 15.Se3 c4 16.Kh1 Dc6 Caruana plante 16...Lc5? sah aber noch rechtzeitig, dass Weiß über die starke Antwort 17.Sd5± verfügt. 17.Sd4± Db6 18.Sdf5 Lc5 19.De1 g6 20.Sh6+ Kg7


21.g4 Beide Spieler waren von diesem Zug überzeugt. Die Computervariante 21.e5 Sh5 22.Lg5 De6 23.Td1 f6 24.exf6+ Sxf6 25.Dc3± ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen. 21...Lb7 22.g5 Sh5 22...Sxe4? 23.fxe4 Lxe4+ 24.Sg2+- 23.Le5+ f6 24.gxf6+ Sxf6


25.Seg4?! Das wirft einen großen Teil des Vorteils weg. Es gewann 25.Td1! Die Varianten sind aber nicht trivial. a) 25...Lxe3 26.Td7+ Kh8 (26...Kxh6 27.Dh4+ Sh5 28.Lg7#) 27.Sg4 Lh6 28.Dh4! Lg7 29.Txg7 Kxg7 30.Td1 30...De6 31.Sxf6 Txf6 32.Dxf6+ Dxf6 33.Td7+ Kh6 34.Lxf6+-
b)25...Kxh6 26.Td7 g5 27.Sf5+ Kh5 28.Lxf6 Dxf6 29.Txh7+ Kg6 30.Th6++-
c) 25...De6 26.Seg4+-
25...Ld4 26.Lxd4 Dxd4 27.Td1 Dxb2


28.Sxf6? Danach neigt sich die Waage endgültig zugunsten von Schwarz. Nach 28.c3 oder 28.Dg3 sah Caruana immer noch Weiß auf der Siegerstraße. 28...Dxf6 Weiß könnte nur noch mit perfektem Spiel Widerstand leisten, doch das ist praktisch nicht machbar. 29.Sg4 Df4 30.Td7+ Tf7 31.Dc3+ Kg8 32.Txf7 Kxf7 33.Td1 Tf8 33...Te8-+ 34.Kg2 Lc8 35.h3 Kg8 36.e5 Dg5 Hier gewann 36...Lxg4 37.hxg4 b4-+ 37.Dd4 Lb7-+ 38.Kh2 Lxf3 39.Sf6+ Kg7 40.Tg1 Df5 41.Kg3 Lc6 42.h4 Tf7 43.De3 Te7 44.Sg4 h5 45.Dh6+ Kg8 46.Sf6+ Kf7 47.Dh7+ Ke6 48.Dg8+


48...Kxe5 49.Te1+ Kd4 0-1

Die 9. Runde findet am Samstag den 16. Februar um 15 Uhr statt.

Die Paarungen lauten:

Viswanathan Anand - Daniel Fridman
Georg Meier - Arkadij Naiditsch
Fabiano Caruana - Michael Adams

Am Freitag endete das Elo-Open. Etienne Bacrot reichte in der letzten Runde ein Remis gegen Tornike Sanikidze, um das Turnier mit 7,0 Punkten zu gewinnen. Mit 6,5 Punkten folgen Parimarjan Negi und Ruben Felgaer auf die Plätze. Der Turnierfavorit aus Frankreich begann schwach mit einer verlorenen Stellung in der 1. Runde, die er noch umbog, und einem Remis in der 2. Runde. In der zweiten Turnierhälfte konnte er sich steigern und blieb am Ende als einziger Spieler ungeschlagen.


Vlnr.: Christian Bossert (Organisation), Parimarjan Negi, Etienne Bacrot, Ruben Felgaer, Daniel Fuchs (Schiedsrichter), Markus Keller (Organisation)


Bericht und Fotos: Georgios Souleidis