Naiditsch on fire

In der 6. Runde der GRENKE Chess Classic drehte sich alles um die Partie zwischen Daniel Fridman und Arkadij Naiditsch. Im Duell der zwei momentan besten deuschen Spieler zog die Nr. 1 alle taktischen Register und begeisterte das Publikum mit einem Königsangriff im Stile der alten Meister. Die zwei restlichen Duelle gingen da fast unter, auch, dass Georg Meier beinahe seinen ersten Sieg feierte.

Viswanathan Anand und Michael Adams trennten sich als erste remis.


In einer Spanischen Partie nahm der indische Weltmeister ab dem 14. Zug eine schlechtere Bauernstruktur in Kauf, um den gegnerischen Springer auf das schlechte Feld b7 zu zwingen. "Wäre der Damenflügel geöffnet gewesen, so hätte ich die Stellung des Springer sofort ausnutzen können", meinte Anand nach der Partie. Stattdessen musste er einige Züge aufwenden, um den Damenflügel zu öffnen und die dortigen schwarzen Schwächen anzugreifen. Adams hatte aber in der Zwischenzeit sein Gegenspiel am Königsflügel aufgezogen und auch seinen Springer wieder ins Spiel gebracht. Die gegenseitige Aktivität wog die Kräfteverhältnisse auf, so dass nach 41 Zügen ein Turmendspiel enstand, das die Spieler remis gaben.


Anand,Viswanathan - Adams,Michael [C84]

GRENKE Chess Classic (6), 13.02.2013

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.d3 b5 7.Lb3 d6 8.a3 0-0 9.Sc3 Sa5 10.La2 c5 11.Sd5 Sxd5 12.Lxd5 Lb7


13.b4 Weiß forciert die Ereignisse. Er nimmt die Schwächung seiner Bauernstruktur in Kauf, zwingt aber den Springer auf das schlechte Feld b7. 13...Lxd5 14.exd5 Sb7 15.c3 Dc7 16.Te1 f5 17.Lg5 Der Tausch ist angebracht, da der schwarze Läufer sonst sehr stark wäre. 17...Tae8 18.a4 cxb4 19.cxb4 Lxg5 20.Sxg5 Sd8 21.axb5 axb5 22.Dd2 h6 23.Sf3 Df7 24.Da2 Df6 25.Sd2 Sf7 26.Da6


26...e4! Schwarz setzt auf Gegenspiel und kümmert sich nicht um den Bauern auf b5. 27.dxe4 fxe4 28.Dxb5 e3! 29.fxe3 Txe3 Die Pointe. 30.Db6 30.Sf3 Txf3 31.gxf3 Se5 32.Tf1 Sxf3+ 33.Kh1 Db2 ist für Weiß problematisch (Anand). 30...Txe1+ 31.Txe1 Dc3 Schwarz gewinnt den Bauern zurück, wonach das Remis nur eine Frage der Zeit ist. 32.De3 Dxb4 33.Sf3 Dc5 34.Dxc5 dxc5 35.Te7 Td8 36.Se5 Sxe5 37.Txe5 Kf7 38.d6 c4 39.Te7+ Kf6 40.Tc7 Txd6 41.Txc4 ½-½

Georg Meier verpasste die große Chance auf seinen ersten Sieg in Baden-Baden. Gegen Fabiano Caruana kam er in einer Slawischen Partie gut aus der Eröffnung und konservierte seinen Vorteil bis weit ins Mittelspiel.


Er verfügte über ein starkes Läuferpaar und seine Bauern rollten den Damenflügel an. Der Italiener dagegen litt unter Raumnachteil und einen schlecht postierten Springer am Rand, der da kaum wieder wegkam, da er einen Bauern auf g4 schützen musste. Die kritische Stellung entstand nach dem 28. Zug. Caruana hatte die einzige weiße Schwäche, den Bauern d4, aufs Korn genommen und schlug jetzt zu, obwohl er sich in eine Fesselung begab. Diese Fesselung hätte sich Meier mit einem ruhigen Damenzug zunutze machen und sofort Material gewinnen können. Stattdessen wickelte er in ein ausgeglichenes Damenendspiel ab. "Ich habe den Gewinnzug nicht gesehen, da ich vorher eine ganz andere Variante berechnet hatte. Trotzdem bin ich zufrieden mit dieser Partie. Es war bisher die beste im Turnier", zeigte sich der Deutsche im Anschluss trotz des verpassten Gewinns nicht besonders enttäuscht.

Wir schauen uns zwei der kritischen Momente an:

Meier,Georg - Caruana,Fabiano
GRENKE Chess Classic (6), 13.02.2013

Stellung nach 25.a4:


Schwarz hat offensichtlich ein Problem mit seinem schlecht postierten Springer, aber auch Weiß hat eine Schwäche auf d4. 25...Tfe8?! Meier und Caruana waren sich im Anschluss einig, dass 25...a6 hätte geschehen müssen, um den a-Bauern zu tauschen und die weißen Möglichkeiten am Damenflügel zu verringern. Nach 26.b5 axb5 27.axb5 Td7 sprachen sie von einer haltbaren Stellung für Schwarz. 26.b5 Te7 26...Sf5 27.d5!? exd5 (27...Lxb2 28.d6±) 28.Lxf6 Txe4? (28...gxf6 29.Dxg4+ Sg7 30.Ld3±) 29.Lxd8+- (Caruana). 27.Td3 Ted7 28.Tcd1 Sf5? Nach 28...Lg5 29.Lc3 mit der Idee 30.Db2 hat Weiß in der Folge am Damenflügel den zusätzlichen Zug a5 zur Verfügung. Deswegen gab Caruana an, dass er im 25. Zug ...a6 hätte ziehen müssen. 29.Dxg4 Lxd4?


30.Lxd4? 30.Lxf5 Lxb2 31.b6 axb6 32.cxb6 Dc8 33.Lxe6 Txd3 34.Lxc8 Txd1+ 35.Kg2 T1d4 mit gleichem Spiel war eine Variante, die beide Spieler berechnet hatten; 30.Df4! (zuerst 30.bxc6 ist noch genauer) mit Ablenkung der schwarzen Dame gewann. 30...Dxf4 (30...Dc8 31.Lxf5 Lxb2 32.Txd7 Txd7 33.Txd7 Dxd7 scheitert an 34.Db8+ nebst Matt.) 31.gxf4 Se3 32.fxe3 Lxe3+ 33.Kg2 Txd3 34.Lxd3+- 30...Sxd4 31.Txd4 Txd4 32.Txd4 Txd4 33.Lh7+ Kxh7 34.Dxd4 Das Damenendspiel ist ausgeglichen und endete nach 47 Zügen remis. 34...Kg8 35.b6 axb6 36.cxb6 De7 37.a5 Da3 38.De5 Kh7 39.h4 Dd3 40.Kg2 Dc4 41.Kf3 Dd3+ 42.Kg2 Dc4 43.Dc7 De4+ 44.Kg1 De1+ 45.Kg2 De4+ 46.Kg1 De1+ 47.Kg2 De4+ ½-½

Die Partie des Tages und vielleicht des bisherigen Turniers spielte Arkadij Naiditsch. Er besiegte Daniel Fridman mit Schwarz und fügte ihm nebenbei die erste Niederlage zu.


In einer seltenen Variante der Königsindischen Verteidigung nahm Naiditsch positionelle Schwächen für aktives Spiel am Königsflügel in Kauf. Anstatt zu agieren, reagierte Fridman etwas zu sehr auf das schwarze Spiel und ließ im 21. Zug ein Springeropfer gegen seine Königsstellung zu. "Mein 21. Zug war ein Fehler, ich hätte das nicht zulassen dürfen", äußerte sich Fridman im Nachhinein. Obwohl das Opfer nicht sofort spielentscheidend war, musste sich Weiß in der Folge sehr genau verteidigen. Zu Beginn klappte es, doch mit zunehmender Zeitnot wurde die Aufgabe fast unmenschlich schwierig. Dementsprechend geschah im 27. Zug der Fehler, wonach Naiditsch unter einem vorübergehenden Turmopfer den weißen König freilegte und im Anschluss mit seinen Figuren konsequent über ihn herfiel. Er scheuchte ihn über das halbe Brett zum Damenflügel. Bevor Naiditsch entscheidend Material gewann, gab Fridman nach 45 Zügen auf. "Ich denke, dass mein Gegner etwas zu passiv gespielt hat. Nach dem Opfer habe ich sehr starken Angriff, der kaum abzuwehren ist", meinte Naiditsch zu seinem Sieg.


Fridman,Daniel - Naiditsch,Arkadij

GRENKE Chess Classic (6), 13.02.2013

Stellung nach 21.Ld3?!:


21...Sdf3+! Der taktische Reigen beginnt. 22.gxf3 Dd7 22...Sxf3+ 23.Kg2 Sh4+ 24.Kh1 Dd7 25.Se1 Dh3+ 26.Kg1 Le6 war die wahrscheinlich nicht ganz so gute Alternative. 23.Le2 Tf6 24.Sd5 Th6 25.f4 Einziger Zug. 25...Dh3 wird mit 26.Lf3 abgewehrt. 25...Sh3+ 26.Kg2 exf4


Der natürliche Zug. 26...Sxf4+ 27.Kf3 Th2! leitet eine verrückte Variante ein, in der der weiße König Richtung Zentrum laufen muss, um nicht matt gesetzt zu werden. 28.Lxh2? Dh3+ 29.Lg3 Sg2! nebst ...Lg4 führt zum Matt. 27.Lh2? Das verliert, aber auch nach dem einzigen Zug 27.Sd4! meinte Naiditsch, dass Schwarz z.B. nach 27...fxg3 (27...Df7!) 28.fxg3 einfach gut stehen müsse. 27...f3+! Naiditsch ging intuitiv davon aus, dass der weißfeldrige Läufer auf f3 schlechter stünde, deswegen zwang er ihn auf dieses Feld. 28.Lxf3 Sg5 29.Sf4


29...Txh2+! 30.Kxh2 Le5 30...Df7! 31.Kg2 Dxf4 32.Th1 Lxb2-+ 31.Kg2 Lxf4 32.Th1 Dg7 33.Kf1 Le6 Bis hierhin hatte Naiditsch nach 27...f3 berechnet. Er hielt die weiße Aufgabe für unheimlich schwierig und sollte Recht behalten, insbesondere weil die Zeit für Fridman knapp wurde. 34.Sd4 Lc4+ 35.Le2 Sxe4 36.Lxc4 36.Tg1! 36...Sd2+ 37.Ke2


37...d5!-+ Ein verrückter Zug. Der Läufer soll nach d5 gelenkt werden. Nach 37...Dxd4 hätte Weiß die Ausrede 38.Txh7+! Kxh7 39.Dh1+ und jetzt z.B. 39...Kg6 40.Tg1+ Lg5 41.Ld3+ Kf6 42.Dh5 mit unklarer Stellung. 38.Dc2 38.Lxd5 Te8+ 39.Kd3 Dg6+ 40.Kc3 Tc8+ und Weiß wird matt gesetzt. 38...Te8+ 39.Kd1 Sxc4 40.Dc3 Die Stellung ist nebenlösig. 40...Te4 40...Ld2-+ 41.Sf5 Sxb2+ 42.Kc2 Te2+ 43.Kb3 Dxc3+ 44.Kxc3 Le5+ 45.Sd4 45.Kb4 Sd3+; 45.Kb3 Sc4 45...Te4


0-1

Die 7. Runde findet am Donnerstag den 14. Februar um 15 Uhr statt.
Die Paarungen lauten:

Georg Meier - Daniel Fridman
Fabiano Caruana - Viswanathan Anand
Michael Adams - Arkadij Naiditsch


Im Elo-Open sind sieben Runden absolviert. Ruben Felgaer übernahm durch einen Sieg gegen Tornike Sanikidze mit 6,0 Punkten die Führung in der Tabelle. In der achten Runde trifft der argentinische Großmeister auf den Turnierfavoriten Etienne Bacrot, der einen halben Punkt hinter ihm rangiert. Im Verfolgerfeld befinden sich vier weitere Großmeister mit 5,0 Punkten, die wiederum untereinander antreten werden.

Bericht und Fotos: Georgios Souleidis